Willkommen

… zu meinen persönlichen Reflexionen über die Lehre Shinrans.

Die Idee zu diesem Blog entstand aus der Situation heraus, daß ich eine Möglichkeit suchte, meine Studien zu Shinran und der  von ihm begründeten Jodo Shinshu (Wahre Schule des Reinen Landes) zu archivieren, zu kategorisieren und generell eine Möglichkeit zu haben, spontane Gedanken zum Thema zu verfassen. Die Auseinandersetzung mit dieser buddhistischen Tradition spiegelt auf der einen Seite meine Interessen als Religionswissenschaftler wieder, ist auf der anderen Seite aber auch eine Konsequenz meines persönlichen spirituellen Entwicklungsweges.

Im Laufe der Jahre bin ich für mich – wie viele andere schon vor mir – zu der Überzeugung gelangt, daß alle spirituellen Wege, die sich in irgendeiner Form auf die Eigen-Kraft (jap.: jiriki) beziehen, zum Scheitern verurteilt sein müssen, weil sie das Grundproblem  der – dem buddhistischen Verständnis zugrundeliegenden – Konditionierung der menschlichen Natur in ihrer Verflechtung des Egogedankens, nicht in aller Schärfe wahrnehmen.

Durch meine Studien der Lehren Shinrans, bin ich der Meinung, daß dieser japanische buddhistische Lehrer eine philosophische und spirituelle Relevanz besitzt, die weit über sein Wirken im Japan des 13. Jahrhunderts hinausgeht, was aber in der westlichen Welt, außer von einigen spezialisierten Akademikern, leider nicht wahrgenommen wird. Wie kein anderer buddhistischer Lehrer sonst, öffnet Shinran die Türen des Dharma weit für alle Menschen, überschreitet jede geschichtliche, kulturelle und ritualistische Schranke und schafft damit wieder einen Zugang zu den buddhistischen Lehren, der oft durch Unwesentliches verstellt ist.

In diesem Sinne bin ich auch der Überzeugung, daß es gerade die Lehren Shinrans sind, die in einer nicht buddhistischen Gesellschaft eigentlich das größte Potential haben, einen tatsächlich gangbaren Dharma-Weg für alle aufzuzeigen. Einerseits können sie dem Einzelnen als tragfähiges spirituelles Gerüst dienen, ohne zu sehr mit eher äußerlichen kulturellen Erscheinungen verbunden zu sein, wie man dies oft bei anderen buddhistischen Schulen antrifft. Andererseits gibt es – bei allen Unterschieden etwa zwischen Buddhismus und Christentum – dennoch Aspekte, die uns, – in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsen -, zumindest von der Fragestellung her vertraut erscheinen und damit einen natürlichen Zugang zum Buddhismus schaffen können, der bei anderen Traditionen weniger offensichtlich ist, oder erst mühsam erarbeitet werden muss. Weiterhin ist der Weg, den Shinran lehrt – ohne wenn und aber – eine Botschaft für jedermann, sprich universal im besten Sinne. Shinran holt die Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation ab und lässt für alle das buddhistische Heilsziel wieder erlebbar werden im Hier und Jetzt, er holt es heraus aus den Tempeln und Gelehrtenstuben und hat weniger die Gruppe/Sangha im Fokus, als das Individuum in seinem ganz persönlichen Kontext.

Shinran

Allerdings fiel mir auch sehr schnell auf, daß es kaum Quellen in Deutsch über diese Tradition gibt, daß sogar das Wissen um ihre Existenz, besonders in Deutschland (selbst unter Buddhisten) oft nur knapp über Null steht und wenn der Name irgendwie bekannt ist, ein Wust an Missverständnissen damit einhergeht, der jedwede ernsthafte Auseinandersetzung von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein läßt. Umso erstaunlicher ist diese Tatsache, wenn man sich bewußt macht, das Jodo Shinshu eine der größten buddhistischen Schulen überhaupt ist und in Japan die Tradition mit den meisten Anhängern darstellt.

Im Zuge dieser doch recht ernüchternden Erkenntnis reifte der Gedanke, diese Tradition einmal  vorzustellen und damit eine Alternative zumindest zugänglich zu machen, für all jene, die grundsätzliches Interesse am Buddhismus haben, diesen in der Regel allerdings nur in seinem hier so verbreiteten Dreigestirn aus Tibetischem Buddhismus – Theravada – Zen kennenlernen, in diesen speziellen Formen aber aus unterschiedlichen Gründen keinen Weg für sich erkennen können.

Die Essays und spontanen Gedanken in diesem Blog begleiten damit in erster Linie den reflektiven und diskursiven Prozess meiner eigenen Auseinandersetzung mit Shinran und seiner spezifischen Dharma-Interpretation. Darüber hinaus ist es mein kleiner Beitrag, die Tradition Shinrans auch hierzulande bekannter zu machen und den Austausch mit jenen zu pflegen, die sie kennenlernen möchten – oder vielleicht für sich schon als Weg gefunden haben.

Einige  Punkte möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen.

Erst einmal, daß ich mit diesem Blog keinen missionarischen Ansatz verfolge. Dies ist einerseits dem Buddhismus – und mir als Person  – generell nicht sonderlich zu eigen (von bestimmten Nichiren-Schulen einmal abgesehen), andererseits ist es die Tatsache, daß Shinrans Lehre sich zwar an alle Menschen wendet, sie aber in letzter Konsequenz nur für diejenigen verständlich wird, die in ihrem eigenen spirituellen  Bemühen an einen Punkt gekommen sind, wo sie erfahren, es geht nicht weiter.

Ich spreche aus einer solchen Erfahrung heraus, so daß dieser shin-buddhistische Blog  manchem, der sich in einer ähnlichen Situation befindet, hilfreich sein mag – oder auch nicht. Hier möchte ich Shinran zitieren:

If the Original Vow of Amida is true, the teaching of Shakyamuni cannot be false. If the teaching of the Buddha is true, Zendo’s commentary on the Meditation Sutra cannot be wrong. And if Zendo is right, what Honen says cannot be wrong. So if Honen is right, what I, Shinran, have to say may not be empty talk. Such, in short, is my humble faith. Beyond this I can only say that, whether you are to accept this faith in the Nembutsu or reject it, the choice is for each of you to make. . . .

Amida Buddha

Die Tatsache, daß die Schriften Shinrans, bis auf wenige Ausnahmen, nicht in Deutsch vorliegen, macht es unumgänglich, daß ich mich der englisch-sprachigen Ausgaben seiner Werke bediene – was sich entsprechend in den verwendeten Zitaten niederschlagen wird.

Wichtig ist es weiterhin zu betonen, daß ich die historische Entwicklung der Jodo Shinshu durchaus kritisch betrachte und viele Aspekte, die wir heute in dieser etablierten Schule des Buddhismus finden, als nicht auf den Gründer Shinran zurückgehend sehe, ja in bestimmten Fällen sogar als seinen Anschauungen widersprechend einstufe. Dies lässt sich durch die Tatsache begründen, daß die Jodo Shinshu in ihrer heutigen Gestalt wesentlich die Einflüsse Rennyos wiederspiegelt, der sie aus ihrer historischen Nischenstellung herausholte und den Jodo Shinshu Hongwanji-ha (den größten Zweig der Shinshu) zu einer religiös-politischen Organisation mit enormer Machtfülle machte, wobei er viele Aspekte der Lehren Shinrans vereinfachte, um möglichst viele Menschen mit dieser Botschaft zu erreichen. Oftmals wurde aus einer Vereinfachung dann auch geradezu eine Umkehrung, oder zumindest Verschiebung der Hauptaspekte der Lehre. Das ist hingegen etwas, was man bei allen Religionen finden kann, insofern macht die Jodo Shinshu keine Ausnahme.

Diese Sichtweise bringt es mit sich, daß meine Darlegungen weniger eine bloße Kopie orthodoxer Lehrauslegungen traditioneller Shinshu Gelehrter sind, als vielmehr eine dynamische Auseinandersetzung mit dem Gründer Shinran im Vordergrund steht, möglichst unbefangen von späteren Interpretationen seiner Nachfolger oder Einbindungen in kulturelle Strukturen.

Dabei sehe ich mich allerdings in einer guten Tradition stehend, die in der westlichen Welt durch shin-buddhistische Lehrer wie Ken ‚O Neill oder  Prof. em. Dr. Alfred Bloom bereits seit Jahren gepflegt wird und die in meinen Augen für eine Entdeckung der Lehren Shinrans als Alternative für Menschen in unserem Kulturraum, nicht nur hilfreich, sondern notwendig erscheint.

In diesem Sinne gilt für mich und für diesen Blog die Aussage des amerikanischen Shin Priesters Kenneth O’Neill:

My interests do not lie with orthodoxy for its own sake; my allegiance lies with the spirit of free expression and interpretation exemplified by our founder, Shinran Shonin.

In einer Diskussion wurde meine Herangehensweise an das Thema einmal mit den Worten kommentiert, das Bekenntnis zur Shinshu würde ausmachen, die gesamte Tradition, so wie sie sich in Japan historisch entwickelt habe, zu akzeptieren und zu praktizieren – auch für Menschen außerhalb des japanischen Kulturkreises. Daß ich das gänzlich anders sehen würde, wäre sicherlich deutlich geworden, aber das sei ja dann doch eher ‚Shinran-shu‘ als Jodo Shinshu. Nun, ich wollte an dieser Stelle dem gar nicht widersprechen, denn es scheint mir exakt der Punkt zu sein.

Das besagt nichts weiter, als daß ich mich zur ‚Schule Shinrans‘ gehörig fühle und mich nicht an kulturelle Strukturen, oder spezifische Traditionen gebunden fühle, die einerseits im Einzelfall wenig mit dem zu tun haben, was Shinran gelehrt hat und andererseits für jene, die nicht in dieser Kultur zu Hause sind, den Zugang versperren zu dem, was sich vielleicht für ihr eigenes Leben als wertvoll herausstellen könnte.

Was zählt, sind nicht  äußere Formen, sondern der ganz  persönliche Zugang zum Dharma, wie er in der Lehre Shinrans im Vordergrund steht. Treffend auf den Punkt gebracht in einem Gedicht von Zuiken Inagaki Sensei (1885 – 1981):

Just as you are –
Really
Just as you are!


amida

~namu amida butsu~

Andreas L.

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Veröffentlicht on 2. März 2009 at 13:07  Comments (11)  

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11 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Lieber Andreas,

    ein sehr gut gelungener Blog, mit vielen wertvollen Informationen und Beiträgen. Alle am Shin Buddhismus interessierten Menschen sollten hier einmal hineinschauen.

    mit lieben Grüßen im Dharma
    Gassho
    Chisho Frank

  2. Hallo Frank,

    schön, das es Dich hierher verschlagen hat und das Dir gefällt, was Du gefunden hast 😉

    Ich hoffe, den Blog weiter ‚füllen‘ zu können in diesem Jahr, letztes Jahr war etwas zu sehr mit anderen Verpflichtungen belegt.

    Gruß und Gassho

    Andreas

  3. Hallo Andreas,

    wir kennen uns zwar nicht, doch gehe ich auch den Weg des Nembutso … und habe heute lang in diesem Blog mit Freuden „gestöbert“. Ich freue mich auf weitere Beiträge, Gedanken und mehr.
    Danke + in Gassho,

    Günter

  4. Hallo Günter,

    das wir uns nicht kennen, sollte Dich weder vom Lesen, noch vom Schreiben abhalten 🙂

    Es freut mich immer, wenn ‚Webwanderer‘ hier vorbeikommen und etwas mit Gewinn für sich lesen. Weitere Beiträge sind definitiv geplant, aber wie das immer so ist, man hat viel um die Ohren und kommt nicht immer in der Ausführlichkeit dazu, wie man es gerne täte. Andererseits sehe ich diesen Blog durchaus als Spiegel meines Shinshu Weges und der ist gelebte Nicht-Praxis, sprich weder beim Dharma noch bei diesem Blog möchte ich in ein ‚ich muss‘ oder ‚um zu‘ verfallen, wenn Du verstehst, was ich meine. Wenn Fragen oder dergleichen anstehen, bemühe ich mich allerdings immer die Zeit für eine zeitnahe Bearbeitung zu finden. Wenn Du magst, kannst Du mir gerne schreiben, wie Du zu diesem Weg gekommen bist, was er für Dich ausmacht etc., oder auch Deine Gedanken zu Einträgen in diesem Blog hinterlassen.

    Shin Buddhisten sind gerade hierzulande ja nun nicht so verbreitet und wie bei mir, denke ich, steht oft ein sehr individueller Weg resp. eine Suche dahinter, die einen zu Shinrans Lehre gebracht hat.

    Ich würde mich freuen, wieder von Dir zu hören. 🙂

    Danke nochmals für Deine netten Worte,

    Gassho

    Andreas

  5. Hallo Andreas,

    das ist nun besonders nett, gleich so direkt hier begrüßt zu werden … :-))

    Deine Texte lesen sich einfach klasse … auch für mich als Laien. Obgleich für mich der Shin-Buddhistische Weg ein Weg des Herzens ist, „freut“ sich dennoch auch mein Kopf enorm. Und da bekomme ich auf Deiner Seite (in deutscher Sprache) ja so richtig Futter!

    Wieso ich dabei bin? Seit etwa drei Jahren bin ich mäßiger, doch auch regelmäßiger Teil der Berliner Mini-Sangha (in der Tat, es scheint ja noch nicht viele Shin-Interessierte hier zu geben). Ich könnte natürlich hier ausführlich erzählen, wieso ich diesen Weg gehe, doch das tue ich lieber persönlich, falls wir uns auf der Europäischen Shin Konferenz 2012 in Düsseldorf treffen sollten (http://www.eko-haus.de/conference/). Also, ich hoffe dort auf ein Kennenlernen.

    herzlich, in gassho,

    Günter

    :-))

  6. Hallo Günter,

    kein Problem, sollte keine Ermunterung zum Seelenstriptease sein 😉

    Ich werde nicht auf der Konferenz sein, insofern werden wir da keine Gelegenheit haben. Grundsätzlich bin ich ganz bewußt ‚independent shin‘ und habe oft mit diversen Sichtweisen, wie sie mir bei westlichen Shin-Buddhisten unterkommen, so meine Probleme. Berliner Sangha, das ist die Sangha um Ilona Evers? Habe mal einen Aufsatz von ihr zum Shin Buddhismus in der ba gelesen, ich war nicht sehr angetan, muss ich gestehen. Ich war damals auf E-Sangha Moderator und kenne aus Diskussionen so einige Standpunkte von westlichen Konvertiten, die mir Bauschschmerzen bereiten, in punkto Verständnis der Sutren, der zentralen Begriffe der Shinshu oder auch generell, was die Übernahme kulturell bedingter Aspekte angeht. Auf E-Sangha und auch nachher in anderen Foren gab es immer wieder die typischen ‚True Shin Buddhists vs. Modernists‘ Debatten mit Menschen, die sich etwa an Paul Roberts oder Adrian Cirlea orientieren (damit mittelbar an Eiken Kobai, der ja auch bei einer der letzten Shin Konferenzen dabei war und eine für mich unhaltbare und unmögliche Bewertung des Shinjin im Sinne von ‚echt‘ und ’nicht echt‘ abgab) und bei denen mir klar wurde, das solche Diskussionen nicht viel bringen. Aus dem Grunde habe ich mich aus diesen Foren zurückgezogen und lege auch wenig Wert auf organisierte Religiösität. Ich bin noch auf einer kleinen Shin Liste, wo auch Prof. Alfred Bloom Mitglied ist, ansonsten ist es mein persönlicher Weg, der ab und an seine Reflektion auf dem Blog erfährt.

    Soviel dazu erst einmal 🙂

    _()_

    Andreas

  7. Hallo Andreas,

    wenn wir Mailadressen tauschen berichte ich gern, denn nicht alles will ich hier für jeden veröffentlichen-ok? Ich bin gespannt, wie Du auf meine Motive als Shin-Westler reagierst. Bauchschmerzen wären völlig überflüssig 🙂 Neben intellektuellen, faktischen Inhalten geht es für mich immer noch um Glauben, gerade bei Religion/Spiritualität. Und der ist auch immer persönlich und macht in einer Gemeinschaft die inspirierende Vielfalt aus. Übrigens, Ilona Evers macht auch in diesem Sinne hier in Berlin einen „tollen Job“, und ich lerne einfach gern . Denn es gilt für mich:

    Wissen steigert der Genuss!

    In diesem Sinne, ich bleibe dran, in gassho

    Günter

    🙂

  8. Hallo Günter,

    Du hast Post 🙂

    _()_

    Andreas

  9. Hallo Andreas,
    ich bin gestern auf deinen Blog gestoßen und will einfach nur sagen das ich deine texte sehr gut finde.
    Weiter so!
    besten gruß
    Stefan

  10. Danke Stefan, ich hoffe bald wieder an diesem Blog weiterschreiben zu können.

    Gassho

    Andreas

  11. … ja, das wünsche und hoffe ich auch, dass Du bald an diesem Blog weiterschreibst. Schön wär´s….Allen hier alles Gute für das noch junge, Neue Jahr,

    in Gassho,

    Günter


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