Wie weiß der Shin Buddhist, daß er Shinjin erfahren hat?

Wenn Shinjin nicht wie Kensho oder Satori vom Roshi geprüft oder bestätigt wird, wie weiß ein Shin Buddhist, dass er Shinjin erfahren hat, oder überhaupt erfahren wird? Wie erhält man Shinjin, wenn man Shinjin nicht gewinnen oder erreichen kann?

Nun, diese Frage kommt natürlich konsequenterweise auf, wenn man sich mit der Lehre Shinrans beschäftigt und sie trieb auch schon seine Schüler zu seinen Lebzeiten um. Grundsätzlich ist in der Tat noch einmal zu betonen, dass es keine Möglichkeit gibt, Shinjin zu erlangen im Sinne von daraufhin arbeiten oder es hervorrufen können. Dies wirkt auf den ersten Blick wie eine Abweichung von  buddhistischen Vorstellungen, ist es aber bei einem genauen Hinsehen nicht. Wenn wir davon ausgehen, daß das Ziel des buddhistischen Weges die Verwirklichung der Erleuchtung ist, das Erreichen des Nirvana, dann müssen wir immer im Hinterkopf haben, wie alle buddhistischen Schulen dieses Ziel definieren.

Diese Definition besagt eindeutig, daß Nirvana zu den unbedingten Daseinsfaktoren (Dharmas) gehört und auch nur deshalb als Ziel im spirituellen Sinne in Frage kommt. Der Buddhismus sieht die Wurzel allen Leidens in der Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die durch bedingte Daseinsfaktoren bestimmt ist, also durch eine permanente Wechselwirkung von aufeinander bezogenen und sich gegenseitig bedingenden Faktoren, die immer neue Potentialitäten schaffen, aus denen das, was wir als Wirklichkeit betrachten, erwächst.

Leidfreiheit kann demnach nur gedacht werden, wenn man einen Zustand postuliert, der diesem Wechselspiel der sich gegenseitig immer wieder anstossenden Kräfte nicht unterworfen ist, also ein Daseinsfaktor ist, der durch nichts anderes bedingt ist. Bedingt und unbedingt müssen wir hier nah am Wort verstehen, sprich Nirvana ist in seiner angenommenen Leidfreiheit und dem damit vermittelten Frieden etwas, was durch nichts hervorgerufen sein kann – denn alles, was es hervorrufen könnte, wäre eine Bedingung seines Entstehens und Nirvana damit nicht mehr, was es nach buddhistischer Lehre per definitionem ist – eben ein unbedingter Daseinsfaktor.

Shinran war sich dieser elementaren Definition sehr bewußt und genau deswegen kam er ganz konsequent zu der Einsicht, daß es unmöglich ist – ja sein muss, bleibt man der Definition des Zieles treu – dieses Ziel in irgendeiner Form anzustreben, Erleuchtung lässt sich nicht erzeugen, Nirvana nicht erreichen. In den anderen buddhistischen Schulen verschwimmt leider diese ultimative Wahrheit in der Praxis, denn es ist eben oft so, daß eindeutig formuliert wird, das man durch Meditation etwa die Erleuchtung gewinnen  kann und deshalb gehört die meditative Praxis auch in der allgemeinen Wahrnehmung des Buddhismus dazu, ja es definiert ihn geradezu. Auch die Beachtung etwa der Silas, der ethischen Normen des Buddhismus wird oft als Weg zur Vorbereitung der Verwirklichung betrachtet und in diesem Sinne praktiziert. Praxis ist hier der bestimmende Faktor um das angestrebte Ziel zu verwirklichen.

Um hier den gordischen Knoten überhaupt noch lösen zu können, bei einer solchen Gegensätzlichkeit von Theorie und Praxis, schlug Shinran ihn ein für allemal durch – Nicht-Praxis ist der Weg, das Loslassen von Absichten klärt den Blick, nicht das (ego)-fokussierte Meditieren führt zum Ziel (was einem Münchhausen Trick des „sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen“ gleichkäme), sondern das Stillewerden, das Ausbremsen der Kräfte, die sich immer gegenseitig antreiben, „Höre, bis Du es ganz und gar umsonst empfängst…“

Aus diesem Grund besteht für Shinran auch eine fundamentale Trennung von Religion und Ethik, denn auch ethisches Handeln führt nicht zum Ziel. Heißt das nun, Shinran legte keinen Wert auf ethisches Handeln? Im Gegenteil, für ihn gehörte ein Leben gemäß moralisch-ethischer Maximen zu den ‚Zeichen‘ das jemand Shinjin erlangt hat. Nicht ethisches Handeln führt zur Erleuchtung, sondern die Vermittlung des Geistes Amida Buddhas, das Vertrauen in das Urgelübde, die absolute Zusicherung der Erlangung des in diesem Leben aufscheinenden Erleuchtungsgedankens führt zu einer schrittweisen Entmachtung des Egos und schwächt seine zutiefst egoistischen – ja egozentrischen – Wirkungen auf einen selber und auf andere. Auf der anderen Seite sollte ethisches Handeln nicht deswegen zur Maxime des eigenen Lebens erhoben werden, um etwas anderes dadurch zu erreichen, sondern es ist ein Wert an und für sich – Shinran ging es auch hier wieder um die Lösung aus berechnendem Denken und Handeln, das letztlich immer nur eine ego-bezogene Berechnung des eigenen Vorteils ist.

Das Eintauchen in das Unendliche Licht, als das Shinran Amida verstand, lässt die Fehler und Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur scharf und kontrastreich hervortreten und macht sie sichtbar. Dies wiederum führt  – wieder nach der Idee des Jinen, also ganz zwanglos und natürlich – dazu, das sich Demut einstellt und das der vom Namen angesprochene weiteres Vertrauen in diese, ihn nun trotz seiner Schwächen tragende Wirklichkeit, gewinnt und sich von der Präsenz Amida Buddhas in seinem Dasein tragen lässt. Auf den Weg einer solch schonungslosen Selbsterkenntnis wiederum gelangt man aber gerade wegen dieser erkannten Schwächen, denn jemand, der sie nicht als solche wahrnimmt, unterliegt weiter der Selbstverblendung, er könne selbst etwas in Hinblick auf die Erlangung des Nirvana erreichen und treibt die zugrundeliegenden Kräfte, die eben das verhindern, weiter an.

Abgesehen von solchen eher subtilen Zeichen, durch die es sich ausdrücken kann, ist Shinjin für jeden Menschen etwas zutiefst Persönliches und kann deswegen auch nicht von außen, sprich von anderen beurteilt werden (obwohl genau das gerne von manchen getan wird…). Ob jemand Shinjin erfahren hat, lässt sich nicht wirklich an konkreten Punkten festmachen, selbst für jeden Einzelnen mag dies eher schwierig einzuschätzen sein, denn das Ego ist der Filter durch den wir die Welt und uns betrachten und möchte sich vielleicht gerne eben dadurch adeln, zu sagen, es habe Shinjin erlangt. In diesem Sinne bleibt sich eine wirklich shin-buddhistische Einstellung nur treu, wenn es diese Bewertung als nicht wichtig ablegt, wenn man erkennt, das es keine Rolle spielt, ob man nun gewisse Schablonen erfüllt oder nicht. Im Hintergrund sollte man immer die grundsätzliche Einstellung Shinrans haben, der den Weg, den er lehrte und ja auch selber ging und an der schlichten Erkenntnis festmachte, daß es keine Alternative zu ihm gibt:

As for me, I simply accept and entrust myself to what my revered teacher told me, „Just say the Nembutsu and be saved by Amida“; nothing else is involved.
I have no idea whether the nembutsu is truly the seed for my being born in the Pure Land or whether it is the karmic act for which I must fall into hell. Should I have been deceived by Master Honen and, saying the nembutsu, were to fall into hell, even then I would have no regrets.
The reason is, if I could attain Buddhahood by endeavoring in other practices, but said the nembutsu and so fell into hell, then I would feel regret at having been deceived. But I am incapable of any other practice, so hell is decidedly my abode whatever I do. — Shinran

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Published in: on 23. Juli 2014 at 13:23  Schreibe einen Kommentar  
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Liegt die Hoffnung, vom Leiden befreit zu werden, nur im Tod?

Wenn ich das Tannisho richtig verstanden habe (und es ist durchaus möglich, dass ich es nicht richtig verstanden habe), können Menschen nie ihre eigene Verblendung und blinden Leidenschaften überwinden, so lange sie im menschlichen Körper sind. Nirvana, Erleuchtung, das Reine Land, Buddha-Natur; wir sind alle unfähig, dass alles in diesem Leben zu erfahren. Wenn wir Shinjin haben, dann können wir sicher sein, dass wir durch die Kraft des Amida ins Reine Land hingeboren werden, aber nicht jetzt oder morgen, sondern nur nach dem Tod. So gibt es zwei Optionen: entweder nach Erleuchtung streben durch diesem Ziel nicht förderliche Meditation und darunter zu leiden, oder nicht nach Erleuchtung streben und trotzdem leiden, da wir nichts anderes können außer leiden und auf den Tod warten. Wenn Amida einem nur helfen kann, die Hingeburt ins Reine Land nach dem Tod und nicht im jetzigen Leben zu erlangen, was spricht dann gegen Selbstmord? Im Tannisho steht, dass Menschen es nicht wissen können, was der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Handeln ist. Es kann sein, dass Selbstmord entweder gutes oder schlechtes Karma erzeugt, aber das können wir nicht wissen und werden sowieso leiden, egal ob gutes oder schlechtes Karma zu erleben ist. Liegt die Hoffnung, befreit vom leidenden Lebenskreis zu werden, nur im Tod?

Ich fürchte, das was im Tannisho als Lehre Shinrans tradiert ist, wurde in der Tat hier nicht verstanden. Erst einmal ist die Hingeburt ins Reine Land bei Shinran keine wie sonst im Reine Land Buddhismus gedacht, die eine irgendwie geartete Örtlichkeit beschreibt. Es ist eben nicht so, daß wir hier ‚auf der Erde leben‘ und nach dem Tod ins ‚westliche Paradies eingehen‘, wo wir dann an der Erleuchtung unter anderen Bedingungen arbeiten können. Mit dieser Art von wortwörtlicher Übernahme mythischer Bilder hat Shinran gebrochen und eine in diesen Bildern ausgedrückte Wahrheit wieder zugänglich gemacht – was letztlich den Reine Land Buddhismus auch wieder auf den Boden essentiell buddhistischer Lehren stellte.

Es ist richtig, wir können nach Shinran unsere Leidenschaften, egoistischen Impulse und karmischen Verflechtungen nicht lösen, solange wir biologische Wesen sind, also auf der materiellen Ebene manifestiert sind, die ja erst durch karmische Wirkungen zu eben jener Ebene wurde und beständig wird, auf der wir uns wiederfinden. Shinjin ist nicht die Erleuchtung, sondern das Erfahren der Zusicherung der sicheren Hingeburt, die Zusage, das wir die Erleuchtung erreichen werden. Es ist die Übermittlung von Amidas erleuchtetem Geist, sprich die auf einer tiefen Ebene erfahrbare Tatsache, das wir aus der Gesamtheit der Realität nicht herausfallen können. Es geht ganz traditionell um die Aussage des Mahayana, dass in letzter Konsequenz Samsara und Nirvana identisch sind, eben weil es kein ‚hier und drüben‘, kein ‚Diesseits und Jenseits‘ etc. gibt, diese angenomme Dualität ist eine scheinbare und kreiert durch unsere Verblendungen, die immer nur vom illusionären selbst geschaffenen archimedischen Punkt – dem Ego – ausgeht und von dort alles bewertet und einteilt.

Diese Gleichzeitigkeit wird bei Shinran ausgedrückt durch die Vorstellung, das wir zwar unsere karmischen Bindungen nicht  auf magische Weise los sind, wenn wir den Namen hören, der identisch mit dem Urgelübde ist und zusichert, auf dem Weg zur Erleuchtung nicht mehr zurückfallen zu können, aber wir erleben durch den Namen eine Bewußtwerdung dieser Situation. Die Erfahrung von Shinjin löscht karmische Verflechtungen also nicht aus, sondern transformiert sie, da derjenige, der den Namen, der ihn ruft, wirklich vernommen hat (es geht also um die tatsächliche spirituelle Erfahrung dieser Präsenz) seine Verblendung erkennt und sein ‚hakarai‘, seine berechnende Art, die immer nur auf sein Ich bezogen war, langsam aufgibt. Eben dann werden Leidenschaften und egozentrische Impulse als solche erkennbar und in diesem Erkenntnisakt in etwas Positives umgewandelt.

Aber dies geschieht auf natürlichem Weg – jinen – es entwickelt sich durch die Ander-Kraft und nicht durch unser Zutun, viel eher durch unser Loslassen generell solcher Überlegungen. Im Augenblick des Todes, der eintritt wenn karmische Impulse sich erschöpft haben, wandelt sich das Vertrauen in die tatsächliche Erfahrung der Erleuchtung, die Hingeburt ins Reine Land ist ohne Verzögerung identisch mit der Buddhaschaft.

Selbstmord ist immer problematisch im buddhistischen Verständnis, auch wenn es z.B. die Beispiele buddhistischer Mönche gibt, die Selbstverbrennungen als politischen Protest durchführten. Vom Grundsatz her wäre dies nur zu vertreten, wenn feststehen würde, daß hier ein Verwirklichter sich opfert, um etwas Positives zu erreichen. Da aber dies schwer bis gar nicht feststellbar ist (vom shin-buddhistischen Standpunkt auch als unmöglich eingestuft würde) und auch der vermeintlich positive Aspekt zumindest fraglich ist, bleibt es eine rein theoretische Frage, die nicht die Tatsache ändert, das auch diese Handlungen negativ zu beurteilen sind – vom generellen- , wie auch vom karmischen Aspekt her. Die Beendigung des eigenen Lebens führt laut buddhistischer Auffassung nur dazu, daß sich die unverbrauchten karmischen Impulse wieder manifestieren müssen, es also zur Wiedergeburt kommt. In shin-buddhistischer Sicht würde es nur zeigen, das eben kein wirkliches Shinjin gegeben ist, weil wieder aus reiner Berechnung heraus gehandelt wurde.

Die eigentliche Hoffnung liegt also nicht ‚im Tod‘ sondern im Loslassen, im Aufgeben einer wie auch immer gearteten Wertigkeit und Erwartungshaltung. Das reine Hören des Namens, der sich im Nembutsu selber spricht und den Menschen der dies erfährt, ganz natürlich wandelt.

Published in: on 22. Juli 2014 at 14:08  Schreibe einen Kommentar  
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Sind die Überlegungen, die hinter buddhistischer Praxis stehen, also bloße Theorie?

Durchaus. Aus Shinshu Perspektive sind all dies nur theoretische Überlegungen, die sich eben nicht in der tatsächlichen Befreiung manifestieren, sondern ein Ideal darstellen, welches das immer an dieser Praxis beteiligte Ego als solches nicht erfahren kann – noch will. Was ja letztlich genau der Punkt ist, daß nach Shinran der ‚Münchhausentrick‘ nicht funktioniert, man sich eben nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann. Nicht solange das Ego sich in einer uns bekannten Körperlichkeit – und damit in völliger Abhängigkeit von und bestimmt durch die uns definierenden natürlichen Parameter –  manifestiert, was bedeutet, die hier und jetzt mögliche Erfahrung des Shinjin wandelt sich erst im Todesprozess, verstanden als natürlichem Loslassen, zur Erleuchtung. Shinjin bleibt dann aber auch eine transzendierende Erfahrung, die unsere Natur nicht ausblendet, sondern neben, oder besser noch – in ihr – aufscheint. Wenn Shinran davon spricht, daß sich durch die Erfahrung des Shinjin unser schlechtes Karma sich in ‚gutes‘ verwandelt, meint er damit den Umstand, daß derjenige, der sich seiner Natur bewußt wird, diese Erkenntnis nutzen kann und deshalb auf natürlichem Wege (Jinen) diesen Kräften gegensteuert. Jemand der sich für ‚gut‘ hält sieht diese Kräfte hingegen nicht am Werk und erliegt ihnen deswegen um so mehr.

Nochmal als Hinweis, Shinran spricht nicht als Theoretiker, er war 20 Jahre lang Mönch auf dem Berg Hiei…und stieg unerleuchtet wieder herab. Er fängt quasi bei diesem Abstieg an und seine Einsicht begann mit dem Loslassen fixierter Idealvorstellungen. Im Buddhismus finden wir sonst eher den Ansatz, bei diesen doktrinär fixierten Idealvorstellungen und Axiomen zu beginnen, um von daher die eigene Einsicht zu schulen und quasi das Vorausgesetzte empirisch für sich selbst zu bestätigen. Und weil gerade dies oft zu eher ernüchternden Resultaten führt, bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder man ignoriert diese offensichtliche Wahrheit, die man selber findet und bleibt auf diesem theoretischen Weg, oder man akzeptiert sie als Einsicht und schaut sich nach alternativen Erklärungsmustern um – was das war, was Shinran tat und einem transformierenden Perspektivenwechsel entspricht, der die eigene Erfahrung – auch und gerade als Scheitern erlebt – als absolut setzt, nicht das ‚was geschrieben steht‘. Gerade in diesem Ansatz entspricht Shinran dem, was man der Lehre des Buddha grundsätzlich zuschreibt, nämlich eben nicht bloßes Glauben nach Hörensagen, sondern Transformation durch Selbsterkenntnis.

Ist Luthers ’sola fide‘ Lehre nicht dasselbe wie die ‚Ander-Kraft‘ im Sinne Shinrans?

Im Christentum“ sind die Positionen dazu nicht ganz einheitlich – vor allem Luthers Gnadenlehre (die wiederum stark auf Augustinus fußt) jedoch verweist sehr radikal und exklusiv auf die ‚Ander-Kraft‘: „sola fide“. Aber auch die katholische Kirche hat 1999 die ‚Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre‘ gemeinsam mit Lutherischen Weltbund und dem Weltrat methodistischer Kirchen unterzeichnet, in der es u.a. heisst:

„Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“

Da sehe ich durchaus einen Berührungspunkt (zu Shinran).


Nun, sicherlich wird man dem Christentum nicht gerecht, wenn man es als monolithischen theologischen Block begreift, was es definitiv nicht ist. Ich bin mir wohl bewußt, daß es gewisse ‚Berührungspunkte‘ zwischen Luther und Shinran gibt, sowohl, was ihre Person, als auch, was ihre Lehren betrifft – nicht umsonst spricht man bei Shinran gerne vom ‚japanischen Luther‘. Aber es sind eben nur Berührungspunkte und auch nur dann, wenn man die zugrundeliegenden philosophischen Parameter ihrer Gedankengänge bewußt ausklammert, oder zumindest weniger stark gewichtet, als es ihnen zukommt.

Das oft anzutreffende unvoreingenommene Gleichsetzen der sola fide Idee bei Luther mit dem, was Shinran in Bezug auf Shinjin lehrte, greift m.E. zu kurz, eben weil diese Berührungspunkte dann stärker gewichtet werden, als die philosophischen Unterschiede, die beiden Doktrinen zugrundeliegen – und dies führt zu einer gewissen verzerrten Wahrnehmung. Luthers justificatio etwa ist immer im genuin christlichen Verständnis eine Rechtfertigung im persönlichen Verhältnis von Gott und Mensch, ist Rechtfertigung in und durch Christus  und zwar zwingend vor dem Hintergrund der christlich verstandenen Heilsgeschichte. Das quasi erlösende Bewußtsein, welches bei Luther ebenso der entscheidende Aspekt ist, wie bei Shinran und ebenso ganz klar nicht mit ‚guten Werken‘ zu erreichen ist, bleibt aber  dennoch eines im Verständnis der christlichen Schöpfungslehre (die eben die Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung definiert und damit die Natur der Wesen bedingt) und der christlichen Vorstellung dessen, wer oder was Gott ist. (mehr …)

Ist nach Deinem Verständnis die Shinjin Erfahrung auf Shinrans Weg beschränkt?

Ich frage ich mich, ob nach Deinem Verständnis die Erfahrung von  ‚Shinjin‘ auf Shinrans Weg beschränkt ist, oder ob auch wir ‚anderen‘ Buddhisten diese Erfahrung bei unserer Vipassana-, Chan/Zen-,  Mahamudra-, etc.-Praxis erleben können. Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, können wir dann ‚Shinjin’=Stromeintritt=Satori schreiben?

Shinjin gilt bei Shinran als Erfahrung, die sich gerade dann auftut (zumindest als Möglichkeit), wenn man alle auf Eigen-Kraft basierenden Übungen aufgibt. Insofern müsste man wohl konsequenterweise sagen, daß diese Erfahrung sich nicht einstellt (genauer: sich nicht einstellen kann), wenn man Übungen des ‚Pfads der Weisen‘ verfolgt. Dies deshalb, weil es nach Shinran schlicht unmöglich ist, daß ‚Ich‘ als treibende Kraft – im Sinne einer ständigen Durchdringung mit egoistischen Einflüssen, egal wie subtil auch immer – abzuschalten, oder zu umgehen. Der Unterschied zwischen den Wegen zeigt sich ja für Shinran genau in diesem Punkt und solange man meint, durch diverse Übungen die Erleuchtung verwirklichen zu können, ist dieser Wunsch gleichzeitig der Balken, der diese Türe blockiert, um es einmal bildhaft zu formulieren. (mehr …)

Kannst Du etwas zu Deiner eigenen Shinjin Erfahrung sagen?

Nein, leider nicht, zumindest nicht im Sinne einer erschöpfenden Erklärung. Ich hatte vor etwa 10 Jahren eine Erfahrung, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wie ich es bechreiben soll. Normalerweise sage ich, daß ich einen kurzen Blick auf  das werfen konnte, was Shinran mit Shinjin meinte, eine spontane Ahnung davon in mir auftauchte. Zu sagen, ich hatte oder habe Shinjin, steht  auch der konstanten Realisierung meiner ‚bombu‘ Natur entgegen und es ist ja gerade die Bewußtwerdung dieser Natur, die Shinjin überhaupt erst möglich macht. Es gab so etwas wie ein tiefes, spontanes Gefühl, daß ich nicht ‚aus dem System fallen kann‘ sozusagen, egal wie sehr ich es auch versuchen würde, egal was auch passiert. Deswegen kann ich genauso gut aufhören mit solchen Versuchen und mich entspannen.

Was Shinran mit Shinjin verbindet ist ja eben das Herausnehmen dieser ständigen Spannung und des Drucks, nicht nur aus dem spirituellen Leben, sondern aus unserer menschlichen Existenz an sich, die Hinterfragung der immer präsenten Machbarkeitsideologie. Diese Grundentspannung wird in allen budddhistischen Schulen im Grunde mit dem Erreichen einer bestimmte höheren Stufe der Einsicht in die Natur der Dinge verbunden, allerdings ist der Weg dahin oft alles andere als entspannt und verstärkt eher noch den Druck, was ziemlich kontraproduktiv erscheint. (mehr …)

Anjin und Shinjin – glauben an, oder vertrauen auf?

Der oft von Rennyo verwendete Begriff  ‚Anjin‘ bedeutet soviel wie ‚friedlicher Geist‘, beschreibt also einen Geisteszustand, der erfüllt ist von Frieden.  ‚Shinjin‘ bedeutet ‚anvertrauter Geist‘ und meint den Zustand vollkommenen Vertrauens auf das Gelübde Amida Buddhas. Rennyo verwendete sehr oft den Begriff Anjin und setzte ihn mit dem von Shinran bevorzugten Shinjin inhaltlich gleich. Shinran wiederum benutzte nur selten Anjin, er zitiert diesen Begriff in seinen Schriften hier und da,  da er als solches bereits vor Shinran benutzt wurde, etwa von Shandao Dashi, aber erst Rennyo verwendet beide Begriffe gleich oft.

Diese Tatsache und daß Rennyo beide vom Inhalt her gleichsetzt, hat letztlich dazu geführt, daß es zu einer gewissen Unschärfe und Bedeutungsverschiebung gekommen ist, wenn es darum geht, wie man heute in der Jodo Shinshu Shinjin versteht. Es gibt denn auch eine – bis heute andauernde – Diskussion darüber, ob beide Begriffe das gleiche bedeuten oder nicht und die offizielle Interpretation der Lehren Shinrans, wie wir sie im Hongwanji finden, basiert grundsätzlich auf der Annahme, daß Rennyo Shinran immer korrekt wiedergibt.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele, die diesem Verständnis ablehnend gegenüberstehen und zwischen beiden Begriffen deutliche Unterschiede wahrnehmen. Shinran hat nie den Versuch gemacht, die Erfahrung des Shinjin in irgendeiner Weise zu begrenzen, oder von Zeichen abhängig zu machen, die belegen könnten, wer echtes Shinjin hat und wer nicht. Er hat keinerlei Dogmen damit verbunden und immer deutlich gemacht, daß diese Schlüsselerfahrung im Leben des Einzelnen nicht nur nicht von diesem hervorgerufen werden kann, sondern eben auch eine rein persönliche Erfahrung ist und bleibt. Sie steht als solche jenseits jeglicher Bewertung und Kritik durch andere. (mehr …)

Was ist die Essenz, der Kern der Lehre von Shinran?

Nun, das ist – wie so oft – nicht ganz einfach, es in wenigen Sätzen zu erklären. Ich will es dennoch versuchen, auf den Punkt zu bringen.

Shinran Shonin (‚Shonin‘ ist ein Ehrentitel, sein Name war Shinran) lebte von 1173 – 1263 und gehört damit zu den ‚Reformern‘ in der Kamakura Zeit in Japan (er war Zeitgenosse von Dogen und Nichiren). Er ging als junger Mann in die Klosteruniversität des Berges Hiei, die zur Tendai Richtung des Buddhismus zählte. Dort übte er sich 20 Jahre lang in den diversen Disziplinen, was aber relativ fruchtlos für ihn blieb, d.h. es stellte sich eine ziemliche Ernüchterung bei ihm ein, daß man die Erleuchtung auch nach so langer intensiver Praxis offenbar nicht erreicht.

In der Zeit wirkte Honen Shonin, der die Jodo Shu (Schule des Reinen Landes) gegründet hatte, eine Schule, die die bereits sehr lange Tradition des Reinen Landes des Buddhas Amida (eine aus den früheren Buddhas Amithaba und Amitayus ‚gebildete‘ Vorstellung) in den Mittelpunkt rückte und damit zu einer eigenen Richtung innerhalb des Buddhismus machte. Vorher waren diese Ideen um Amida Teil anderer Richtungen und die Praxis der Rezitation des ‚Nembutsu‘ – die ständige Vergegenwärtigung der ‚rettenden Kraft‘ Amidas durch seinen Namen – Namu Amida Butsu (Ich nehme meine Zuflucht zu Amida Buddha) – wurde als eine Praxis unter vielen betrachtet. (mehr …)