Widerspricht Shinrans Lehre nicht dem, was der Buddha gelehrt hat?

„It is impossible for us, who are possessed of blind passions, to free ourselves from birth-and-death through any practice whatever.“ (Shinran)

Zunächst einmal betont der historische Buddha Shakyamuni, soweit wie  uns die Pali-Sutten und chin. Agamas darüber Auskunft geben, das genaue  Gegenteil der obigen Aussage von Shinran.  Nun werden vermutlich die wenigsten von uns hier im klassischen,  frühbuddhistischen Sinn Arhatschaft erlangt haben, so daß sie in diesem  Sinn ‚frei von Geburt und Tod‘ sind, und insofern können wir aus  *eigener* Erfahrung Shinrans Satz weder verifizieren noch widerlegen.

 

Nun, ich denke, die meisten dürften sehr wohl bestätigen können, daß sie, nach egal wie langer Praxis, die Buddhaschaft noch nicht erlangt haben. Es ist ja gerade diese Erfahrung des Scheiterns, die Shinran und in Folge all jene, die diese Selbst-Kraft Übungen versucht haben, zu der Einsicht brachten, daß dies nicht der Weg sei. Dass der historische Buddha etwas anderes lehrte, mag sein. Aber da Jodo Shinshu eine Schule des Mahayana ist, dürfte dies das geringste Problem darstellen und kann wohl auch nicht als ‚Argument‘ dagegen gelten. Der historische Buddha hat weder etwas zu einer Drei-Leiber-Vorstellung, noch zur Existenz Amidas, eines Ewigen Buddha wie im Lotus Sutra proklamiert, oder auch diverser anderer Lehren gesagt, die im Mahayana zu den zentralen, oder zumindest wichtigen, Lehraspekten gehören.

Das Mahayana sieht sich weniger einer historischen Person verpflichtet, als dem durch diese angestoßenen dynamischen Prozess einer Befreiuung vom Leiden. Das Mahayana ist die philosophische Ausformulierung und Durchdenkung frühbuddhistischer Ideen und Lehren, es basiert nicht auf reiner Rezitation vergangener Erfahrungen, die in historische Schriften gemeißelt sind, sondern eher auf den direkten Erfahrungen jener, die sich in diesem dynamischen Prozess einer ‚Wahrheitsfindung‘ befunden haben und befinden und damit den Kontext dieses weitergehenden Prozesses mit definieren. Das stellt sich eben auch deutlich dar im Perspektivenwechsel weg vom Buddha als Person hin zum Buddha als Prinzip. (mehr …)

Widerlegt nicht die eigene Dharma-Praxis Shinrans dogmatische Aussage?

Wenn wir das Shinran-Modell der zwei Wege, ‚Leichten Weg‘ und ‚Pfad der Weisen‘ (für den großen Rest), zugrunde legen wollen, so scheint mir das plausibel und akzeptabel zu sein. Wenn wir aber unter Verweis auf ‚Mappo‘ den ‚Pfad der Weisen‘ komplett ausschließen, dann scheint mir das doch eine dogmatische Aussage zu sein, die durch meine eigenen Praxiserfahrungen und jene meiner Lehrer und Freunde aus Vipassana-, Mahamudra- und Chan/Zen-Traditionen empirisch falsifiziert ist.

Erst einmal ist es ja eher anders herum, der ‚Pfad der Weisen‘ ist nur für wenige gangbar, weshalb der Nembutsu Weg eben die Alternative ‚für den großen Rest‘ darstellt. Zum zweiten wird es darauf ankommen, was Du für Erfahrungen gemacht hast, resp. welches Ziel Du mit der Praxis verfolgst. In der Jodo Shinshu wird nicht geleugnet, daß diverse Praktiken und Übungen gewisse positive Auswirkungen haben. Es gibt auch in Jodo Shinshu Tempeln oft Meditationskurse, was früher weniger üblich war. Wenn man sich jedoch hinsetzt und der Meinung ist, man könne durch meditative Übungen welcher Art auch immer Erleuchtung erreichen, sie quasi dadurch ‚erzeugen‘, dann wird das in der Tat aus Shinshu Sicht als nicht möglich betrachtet. Es gibt sehr viele Buddhisten auf der Welt, aber es lässt sich ganz offensichtlich kein Buddha finden… (mehr …)