Wo liegen aus Deiner Sicht die wesentlichen Unterschiede zwischen Ippen Shonin’s Ansätzen (Ji Shû) und Shinran Shonin’s Sichtweise?

Nun, die Frage nach der Dharmaauslegung im Sinne Ippens ist eine nicht ganz einfach zu beantwortende, so daß ein Vergleich mit Shinrans Ideen ebenfalls nicht so leicht ist. Dies liegt vor allem an der Tatsache, daß wir von Ippen wesentlich weniger eigene Gedanken überliefert haben, da er – darin übrigens äußerst konsequent seiner eigenen Nembutsu-Interpretation folgend – kurz vor seinem Tod alle Schriften, die sich in seinem Besitz befinden verbrannt hat – darunter eben leider auch das, was er selbst verfasst hat. Alles, was von seinen genuinen Gedanken noch zugänglich ist, sind vor allem Hymnen und Verse (ähnlich den Versen, die Shinran hinterlassen hat), Kopien seiner Schriften, sowie die sich im Besitz von Schülern befanden, oder tradierte Aussagen, die im Nachhinein von Anhängern weitergegeben wurden (hier ähnlich dem Tannisho in der Jodo Shinshu).

Wir wissen besser über die Ideen und Gedanken Shinrans Bescheid, da dieser nicht nur Verse und Briefe für seine Schüler verfasst hat (und dieser Briefverkehr auch erhalten geblieben ist), er Jahrzehnte an seinem Magnum Opus dem Kyogyoshinsho schrieb, was uns vollständig vorliegt, sondern auch weil die buddhistische Schule, die sich auf ihn zurückführt, sein Andenken und seine Schriften entsprechend überliefert hat – unter anderem etwa auch die Briefe seiner Ehefrau Eshinni, die ein recht persönliches Bild Shinrans zeichnen – und die institutionalisierte Jodo Shinshu im akademischen Bereich sehr engagiert ist und entsprechende Forschungen zu den Texten Shinrans betreibt. Die Ji Shu hatte zwar in der Muromachi-Epoche einen Aufschwung erlebt, ist danach allerdings nicht mehr wesentlich als eine der tragenden Strömungen des japanischen Buddhismus allgemein, oder des Reine Land Buddhismus im speziellen wahrzunehmen. Sie besitzt wohl, von dem, was man den Informationen im Internet entnehmen kann, heute noch 400.000 Anhänger und steht als amidistische Schule damit an dritter Stelle in Japan nach Jodo Shinshu und Jodo Shu. Aber man sieht bereits die Relationen, wenn man die 500 Tempel der Ji Shu mit den 10.000 Tempeln und 12.000.000 Angängern der Jodo Shinshu vergleicht (und dies betrifft nur den Nishi Hongwanji Zweig!). Auch ist sowohl die Jodo Shu, wie auch insbesondere die Shinshu, wesentlich offener und auch präsenter im Westen,  die Ji Shu hingegen spielt als buddhistische Schule international keine Rolle. Dies (und die Tatsache, daß ich kein Fachmann für Ippen bin) als Relativierung nur einmal vorweg. (mehr …)

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Widerspricht Shinrans Lehre nicht dem, was der Buddha gelehrt hat?

„It is impossible for us, who are possessed of blind passions, to free ourselves from birth-and-death through any practice whatever.“ (Shinran)

Zunächst einmal betont der historische Buddha Shakyamuni, soweit wie  uns die Pali-Sutten und chin. Agamas darüber Auskunft geben, das genaue  Gegenteil der obigen Aussage von Shinran.  Nun werden vermutlich die wenigsten von uns hier im klassischen,  frühbuddhistischen Sinn Arhatschaft erlangt haben, so daß sie in diesem  Sinn ‚frei von Geburt und Tod‘ sind, und insofern können wir aus  *eigener* Erfahrung Shinrans Satz weder verifizieren noch widerlegen.

 

Nun, ich denke, die meisten dürften sehr wohl bestätigen können, daß sie, nach egal wie langer Praxis, die Buddhaschaft noch nicht erlangt haben. Es ist ja gerade diese Erfahrung des Scheiterns, die Shinran und in Folge all jene, die diese Selbst-Kraft Übungen versucht haben, zu der Einsicht brachten, daß dies nicht der Weg sei. Dass der historische Buddha etwas anderes lehrte, mag sein. Aber da Jodo Shinshu eine Schule des Mahayana ist, dürfte dies das geringste Problem darstellen und kann wohl auch nicht als ‚Argument‘ dagegen gelten. Der historische Buddha hat weder etwas zu einer Drei-Leiber-Vorstellung, noch zur Existenz Amidas, eines Ewigen Buddha wie im Lotus Sutra proklamiert, oder auch diverser anderer Lehren gesagt, die im Mahayana zu den zentralen, oder zumindest wichtigen, Lehraspekten gehören.

Das Mahayana sieht sich weniger einer historischen Person verpflichtet, als dem durch diese angestoßenen dynamischen Prozess einer Befreiuung vom Leiden. Das Mahayana ist die philosophische Ausformulierung und Durchdenkung frühbuddhistischer Ideen und Lehren, es basiert nicht auf reiner Rezitation vergangener Erfahrungen, die in historische Schriften gemeißelt sind, sondern eher auf den direkten Erfahrungen jener, die sich in diesem dynamischen Prozess einer ‚Wahrheitsfindung‘ befunden haben und befinden und damit den Kontext dieses weitergehenden Prozesses mit definieren. Das stellt sich eben auch deutlich dar im Perspektivenwechsel weg vom Buddha als Person hin zum Buddha als Prinzip. (mehr …)

Wie würdest Du Deine ‚Gottheit‘ beschreiben?

Es würde mich interessieren, wie jene hier in diesem Forum (-> bezieht sich auf das Forum, wo diese Frage an alle gestellt wurde), die an eine Gottheit glauben, diese beschreiben. Also, was macht sie verehrungswürdig? Wie manifestiert sie sich? Was sind ihre Kräfte und sind sie in irgendeiner Weise eingeschränkt?

Nun, ich weiß nicht, ob die buddhistische Sicht für Dich interessant ist (-> die Frage wurde in einem Forum gestellt, welches vor allem von Theisten (Christen, Bahai, Mormonen) besucht wird), da Du explizit nach einer Gottheit fragst, aber ich werde es versuchen entsprechend zu beantworten. Ich werde es möglichst kurz machen, aber vorher ist es wichtig, deutlich zu machen, was ich meine, wenn ich eine Frage nach ‚meiner Gottheit‘ beantworte.

In der Tradition der Jodo Shinshu haben wir einen bestimmten Buddha als Fokus unserer Spiritualität und dies ist Amida Buddha. (mehr …)

Kannst Du etwas zu Deiner eigenen Shinjin Erfahrung sagen?

Nein, leider nicht, zumindest nicht im Sinne einer erschöpfenden Erklärung. Ich hatte vor etwa 10 Jahren eine Erfahrung, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wie ich es bechreiben soll. Normalerweise sage ich, daß ich einen kurzen Blick auf  das werfen konnte, was Shinran mit Shinjin meinte, eine spontane Ahnung davon in mir auftauchte. Zu sagen, ich hatte oder habe Shinjin, steht  auch der konstanten Realisierung meiner ‚bombu‘ Natur entgegen und es ist ja gerade die Bewußtwerdung dieser Natur, die Shinjin überhaupt erst möglich macht. Es gab so etwas wie ein tiefes, spontanes Gefühl, daß ich nicht ‚aus dem System fallen kann‘ sozusagen, egal wie sehr ich es auch versuchen würde, egal was auch passiert. Deswegen kann ich genauso gut aufhören mit solchen Versuchen und mich entspannen.

Was Shinran mit Shinjin verbindet ist ja eben das Herausnehmen dieser ständigen Spannung und des Drucks, nicht nur aus dem spirituellen Leben, sondern aus unserer menschlichen Existenz an sich, die Hinterfragung der immer präsenten Machbarkeitsideologie. Diese Grundentspannung wird in allen budddhistischen Schulen im Grunde mit dem Erreichen einer bestimmte höheren Stufe der Einsicht in die Natur der Dinge verbunden, allerdings ist der Weg dahin oft alles andere als entspannt und verstärkt eher noch den Druck, was ziemlich kontraproduktiv erscheint. (mehr …)

Was für einen Glauben hatten Sie vor der Konversion?

Ursprünglich war ich bereits als Jugendlicher sehr stark am Buddhismus interessiert und habe mich ab dem Alter von 14 mit dem Dharma beschäftigt. Etwa vier Jahre habe ich vor allem die Traditionen Theravada, Zen und später auch Vajrayana (Tibetischer Buddhismus) studiert.

Danach kam eine Phase, in der ich mich sehr für den ‚okkulten Untergrund des Abendlandes‘ interessierte, also Gnostizismus und hermetische Magie, was zur ‚Begegnung‘ mit der Figur Aleister Crowleys führte. Crowleys Thelema Lehre wurde für viele Jahre meine persönliche Richtschnur und Basis einer spirituellen Entwicklung und praktisch gelebten Magie, wobei festgehalten werden muss, dass sich auch in Crowleys Lehre (die kein Satanismus ist, wie leider allzu oft von unwissender Seite propagiert wird – nachzulesen in meiner religionswissenschaftlichen Studie: Aleister Crowley’s Scientific Illuminism. Magie und Mystik als angewandte Psychologie zur Transformation des Menschen) viel von dem findet, was auch der Buddhismus in seinen vielfältigen Schulen lehrt und das eigentliche Hauptziel, die Entmachtung des Egos, welches die leidschaffenden Illusionen aufrecht erhält, im Grunde gleich ist. (mehr …)

Wie kann Amida wirken, wenn er nur ein Mythos, eine Fiktion ist?

Du beziehst Dich auf das Essay von Dr. Nobuo Haneda, in dem er Amida ein ‚personal Symbol‘ nennt. Nun Deine Verwirrung ist verständlich, aber letztlich liegt es nur daran, daß Du denkst, ein ‚Mythos‘ sei das gleiche wie eine Lüge. Das Problem ist einfach, daß wir nicht mehr gewohnt sind,  den tatsächlichen Gehalt und die eigentliche Bedeutung von Symbolen wahrzunehmen. Für uns sind Symbole etwas ohne ‚wirkliche‘ Essenz, ohne tatsächlichen Inhalt, ohne Realität, die dahinter steht. Es ist einfach ein Zeichen, eine Botschaft, die in einer bestimmten Gestalt daherkommt. Ich denke, es liegt daran, daß wir eben nicht mehr in den ‚mythischen Zeiten‘ leben, wo die Leute ein gänzlich anderes Verständnis dieser Dinge hatten. Wir versuchen alles rational zu erfassen und zu bewerten und können diese Bilder nur schwer mit dem in Übereinstimmung bringen, was wir als menschliche Wesen überhaupt in der Lage sind zu begreifen. Amida ist nicht ‚einfach nur ein Symbol‘, ebenso wie der Mythos vom Reinen Land nicht einfach ’nur eine nette Geschichte‘ ist. Ich würde vorschlagen, Du befasst Dich einmal ausgiebig mit dem, was der bekannte amerikanische Mythologe Joseph Campbell über Mythen und Symbole zu sagen hatte. Etwa folgendes:

Myth is the secret opening through which the inexhaustible energies of the cosmos pour into human manifestation.

… a symbol, a mythic symbol, does not refer to something which is known or knowable in that rational way. It refers to a spiritual power that is operative in life and is known only through its effects. (mehr …)

„Ander-Kraft“ – worin besteht das „Anders“-sein und was ist unter „Kraft“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das ‚Andere‘ bezieht sich nicht so sehr auf das ‚Sein‘ (nicht etwa im Sinne christlicher Theologie, die Gott als ‚den ganz anderen‘ definiert, um seine Transzendenz zu betonen), als vielmehr auf die ‚Richtung‘. Wir erfahren den Dharma generell als etwas, das wir quasi ‚von außen‘ erleben, wir hören Belehrungen, lesen Sutren, hören Musik, die die Rituale begleitet, nehmen uns wahr, wie wir den Dharma in unser Leben hereinlassen, was es dann transformiert. Tariki ist oft einfach auch ‚Kraft durch andere‘, die einem zuteil wird. Es ist eben nicht so, daß man beschließt, ’so, jetzt befreie ich mich mal‘ und man legt mit der Praxis los, die einen dann befreit, weil man so fleißig war. Obwohl genau das die Einstellung zu sein scheint, die viele haben, gerade im Westen wird das oft so im Sinne einer ‚Managerreligiosität‘ verstanden. Man erarbeitet sich sein Häuschen, werkelt an seiner Karriere, kraxelt die Leiter des Erfolgs rauf, etc.. und dann überträgt man diese zutiefst ego-zentrische ‚Macher‘-Sicht einfach auf den Buddhismus und erarbeitet und erkämpft sich die Befreiung vom Ego. (mehr …)

Geburt (ojo)

Im traditionellen Reine Land Buddhismus bezieht sich dieser Begriff auf das Eingehen ins Reine Land des Buddha Amida beim körperlichen Tod.

Shinran benutzt es als symbolischen Ausdruck für die Überschreitung der dem Menschen eigenen Selbsttäuschung im Erreichen der Erleuchtung und setzte Geburt im Reinen Land mit Erleuchtung und Nirvana gleich. Neben der wichtigen Tatsache, daß im Shin Buddhismus das Reine Land nicht mehr bloßer Durchgangsort zur Erleuchtung ist, oder gar ein Ort überhaupt, sondern diese selber beschreibt, ist besonders zu betonen, wie Shinran den Fokus nicht mehr auf eine jenseitige Orientierung legt. Für ihn erfolgt die Realisierung der Geburt im Reinen Land völlig im Hier und Jetzt, was das Leben zur Ebene der buddhistischen Verwirklichung erklärt, nicht mehr den Tod.

Published in: on 11. März 2009 at 13:36  Schreibe einen Kommentar  
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Amida Buddha

Amida ist der Buddha des Ewigen Lebens und Unendlichen Lichtes, der über das ‚Reine Land im Westen‘ herrscht. Er gehört zu den transzendenten Buddhas der Mahayana Kosmologie und gilt im Reine Land Buddhismus (manchmal auch Amidismus genannt) als Hauptverehrungs- und Bezugspunkt, weil er in seinen 48 Gelübden geschworen hat, alle Wesen zu erretten und in sein geschaffenes Buddhaland zu holen, wo sie ohne Schwierigkeiten die Erleuchtung erlangen können.

Im Shin Buddhismus entwickelte sich die Vorstellung von Amida als Manifestation der ultimativen Wirklichkeit an sich, die sich in ihrer Wesensart als absolutes Mitgefühl äußert. Shinran verstand Amida Buddha nicht mehr als einen Buddha unter vielen, sondern als die eigentliche Essenz der Wirklichkeit, die sich darüberhinaus als Buddha-Natur in allen Wesen widerspiegelt.

Diese Wirklichkeit (skrt.: Dharmakaya, oder jap.: hosshin) ist an sich ohne Form und Grenzen und in ihrem dynamischen Wirken ständig auf die Befreiung der Wesen hin ausgerichtet. In der metaphysischen Lehre des Shin Buddhismus ist Amida der hoben hosshin, d.h. eine Verkörperung  der ultimativen Seinsebene, manifestiert als Form, aus Mitgefühl, um die Wesen zur Einsicht in die Wirklichkeit zu führen. (mehr …)

Published in: on 11. März 2009 at 13:05  Schreibe einen Kommentar  
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Amida, kommend in der Stunde des Todes (rinju raiko)

Im traditionellen Reine Land Buddhismus geht es vor allem darum, sich in einer permanenten Vergegenwärtigung Amidas seiner Erlösungskraft zu versichern. Übungen, wie die Rezitation des Nembutsu viele tausend mal am Tag, oder auch Visualisierungen des Reinen Landes, oder Amida Buddhas, sollen diese Präsenz Amidas und damit die Wirklichkeit seiner erlösenden Kraft für den Praktizierenden erlebbar machen.

In der Jodo Shu entwickelten sich im Zuge dieser Ideen besonders ausgefeilte Sterbebett-Riten (rinju-gyogi), die unter anderem vorsahen, das der Sterbende eine Kordel in seinen Händen hielt, die mit einer bildhaften Darstellung Amidas und der ihn begleitenden Bodhisattvas verbunden war. Der Hintergrund war die Betonung der traditionellen Reine Land Lehre, die den Moment des Todes als entscheidend ansah, ob ein Mensch letztlich die Erlösung durch Amida erfuhr, oder nicht. All die Übungen im Leben des Praktizierenden waren im Grunde auf diesen letzten Moment hin ausgerichtet und sollten sicherstellen, das er in diesem entscheidenden Augenblick diesen Fokus nicht aus den Augen verlor und Amida Buddha ihm tatsächlich gemäß seinen Gelübden im Sterben erscheint und ins Reine Land geleitet . (mehr …)

Published in: on 10. März 2009 at 15:57  Schreibe einen Kommentar  
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