Ist Luthers ’sola fide‘ Lehre nicht dasselbe wie die ‚Ander-Kraft‘ im Sinne Shinrans?

Im Christentum“ sind die Positionen dazu nicht ganz einheitlich – vor allem Luthers Gnadenlehre (die wiederum stark auf Augustinus fußt) jedoch verweist sehr radikal und exklusiv auf die ‚Ander-Kraft‘: „sola fide“. Aber auch die katholische Kirche hat 1999 die ‚Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre‘ gemeinsam mit Lutherischen Weltbund und dem Weltrat methodistischer Kirchen unterzeichnet, in der es u.a. heisst:

„Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“

Da sehe ich durchaus einen Berührungspunkt (zu Shinran).


Nun, sicherlich wird man dem Christentum nicht gerecht, wenn man es als monolithischen theologischen Block begreift, was es definitiv nicht ist. Ich bin mir wohl bewußt, daß es gewisse ‚Berührungspunkte‘ zwischen Luther und Shinran gibt, sowohl, was ihre Person, als auch, was ihre Lehren betrifft – nicht umsonst spricht man bei Shinran gerne vom ‚japanischen Luther‘. Aber es sind eben nur Berührungspunkte und auch nur dann, wenn man die zugrundeliegenden philosophischen Parameter ihrer Gedankengänge bewußt ausklammert, oder zumindest weniger stark gewichtet, als es ihnen zukommt.

Das oft anzutreffende unvoreingenommene Gleichsetzen der sola fide Idee bei Luther mit dem, was Shinran in Bezug auf Shinjin lehrte, greift m.E. zu kurz, eben weil diese Berührungspunkte dann stärker gewichtet werden, als die philosophischen Unterschiede, die beiden Doktrinen zugrundeliegen – und dies führt zu einer gewissen verzerrten Wahrnehmung. Luthers justificatio etwa ist immer im genuin christlichen Verständnis eine Rechtfertigung im persönlichen Verhältnis von Gott und Mensch, ist Rechtfertigung in und durch Christus  und zwar zwingend vor dem Hintergrund der christlich verstandenen Heilsgeschichte. Das quasi erlösende Bewußtsein, welches bei Luther ebenso der entscheidende Aspekt ist, wie bei Shinran und ebenso ganz klar nicht mit ‚guten Werken‘ zu erreichen ist, bleibt aber  dennoch eines im Verständnis der christlichen Schöpfungslehre (die eben die Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung definiert und damit die Natur der Wesen bedingt) und der christlichen Vorstellung dessen, wer oder was Gott ist. (mehr …)