Sind die Überlegungen, die hinter buddhistischer Praxis stehen, also bloße Theorie?

Durchaus. Aus Shinshu Perspektive sind all dies nur theoretische Überlegungen, die sich eben nicht in der tatsächlichen Befreiung manifestieren, sondern ein Ideal darstellen, welches das immer an dieser Praxis beteiligte Ego als solches nicht erfahren kann – noch will. Was ja letztlich genau der Punkt ist, daß nach Shinran der ‚Münchhausentrick‘ nicht funktioniert, man sich eben nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann. Nicht solange das Ego sich in einer uns bekannten Körperlichkeit – und damit in völliger Abhängigkeit von und bestimmt durch die uns definierenden natürlichen Parameter –  manifestiert, was bedeutet, die hier und jetzt mögliche Erfahrung des Shinjin wandelt sich erst im Todesprozess, verstanden als natürlichem Loslassen, zur Erleuchtung. Shinjin bleibt dann aber auch eine transzendierende Erfahrung, die unsere Natur nicht ausblendet, sondern neben, oder besser noch – in ihr – aufscheint. Wenn Shinran davon spricht, daß sich durch die Erfahrung des Shinjin unser schlechtes Karma sich in ‚gutes‘ verwandelt, meint er damit den Umstand, daß derjenige, der sich seiner Natur bewußt wird, diese Erkenntnis nutzen kann und deshalb auf natürlichem Wege (Jinen) diesen Kräften gegensteuert. Jemand der sich für ‚gut‘ hält sieht diese Kräfte hingegen nicht am Werk und erliegt ihnen deswegen um so mehr.

Nochmal als Hinweis, Shinran spricht nicht als Theoretiker, er war 20 Jahre lang Mönch auf dem Berg Hiei…und stieg unerleuchtet wieder herab. Er fängt quasi bei diesem Abstieg an und seine Einsicht begann mit dem Loslassen fixierter Idealvorstellungen. Im Buddhismus finden wir sonst eher den Ansatz, bei diesen doktrinär fixierten Idealvorstellungen und Axiomen zu beginnen, um von daher die eigene Einsicht zu schulen und quasi das Vorausgesetzte empirisch für sich selbst zu bestätigen. Und weil gerade dies oft zu eher ernüchternden Resultaten führt, bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder man ignoriert diese offensichtliche Wahrheit, die man selber findet und bleibt auf diesem theoretischen Weg, oder man akzeptiert sie als Einsicht und schaut sich nach alternativen Erklärungsmustern um – was das war, was Shinran tat und einem transformierenden Perspektivenwechsel entspricht, der die eigene Erfahrung – auch und gerade als Scheitern erlebt – als absolut setzt, nicht das ‚was geschrieben steht‘. Gerade in diesem Ansatz entspricht Shinran dem, was man der Lehre des Buddha grundsätzlich zuschreibt, nämlich eben nicht bloßes Glauben nach Hörensagen, sondern Transformation durch Selbsterkenntnis.

Anjin und Shinjin – glauben an, oder vertrauen auf?

Der oft von Rennyo verwendete Begriff  ‚Anjin‘ bedeutet soviel wie ‚friedlicher Geist‘, beschreibt also einen Geisteszustand, der erfüllt ist von Frieden.  ‚Shinjin‘ bedeutet ‚anvertrauter Geist‘ und meint den Zustand vollkommenen Vertrauens auf das Gelübde Amida Buddhas. Rennyo verwendete sehr oft den Begriff Anjin und setzte ihn mit dem von Shinran bevorzugten Shinjin inhaltlich gleich. Shinran wiederum benutzte nur selten Anjin, er zitiert diesen Begriff in seinen Schriften hier und da,  da er als solches bereits vor Shinran benutzt wurde, etwa von Shandao Dashi, aber erst Rennyo verwendet beide Begriffe gleich oft.

Diese Tatsache und daß Rennyo beide vom Inhalt her gleichsetzt, hat letztlich dazu geführt, daß es zu einer gewissen Unschärfe und Bedeutungsverschiebung gekommen ist, wenn es darum geht, wie man heute in der Jodo Shinshu Shinjin versteht. Es gibt denn auch eine – bis heute andauernde – Diskussion darüber, ob beide Begriffe das gleiche bedeuten oder nicht und die offizielle Interpretation der Lehren Shinrans, wie wir sie im Hongwanji finden, basiert grundsätzlich auf der Annahme, daß Rennyo Shinran immer korrekt wiedergibt.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele, die diesem Verständnis ablehnend gegenüberstehen und zwischen beiden Begriffen deutliche Unterschiede wahrnehmen. Shinran hat nie den Versuch gemacht, die Erfahrung des Shinjin in irgendeiner Weise zu begrenzen, oder von Zeichen abhängig zu machen, die belegen könnten, wer echtes Shinjin hat und wer nicht. Er hat keinerlei Dogmen damit verbunden und immer deutlich gemacht, daß diese Schlüsselerfahrung im Leben des Einzelnen nicht nur nicht von diesem hervorgerufen werden kann, sondern eben auch eine rein persönliche Erfahrung ist und bleibt. Sie steht als solche jenseits jeglicher Bewertung und Kritik durch andere. (mehr …)

Aber der Dalai Lama sagt, daß Gott & Buddhismus nicht vereinbar sind!?

Zwei Zitate vom Dalai Lama aus dem Buch „ Der buddhistische Weg zum Glück“ :

Ein Gott ist ein unabhängiges ewiges Wesen, das kurz gesagt, nicht leer ist.
Im Anfangsstadium kann man durchaus beides sein, praktizierender Buddhist und Christ. Doch wenn man dann irgendeinem Pfad weit genug folgt, wird es schließlich notwendig werden, einen spirituellen Weg samt der ihm zugrunde liegenden Metaphysik zu akzeptieren.

Daraus folgere ich, dass sich der Glauben an einen Schöpfergott und der Buddhismus nicht vereinbaren lassen. Christen können wohl Teile aus dem Buddhismus verwenden, aber solange sie nicht die Leerheit anerkannt haben sind sie Christen und keine Buddhisten. Denn sollten sie die Leerheit anerkennen, werden sie an keinen Schöpfergott mehr glauben.

Zeigt das nicht, daß man nicht an Gott glauben darf, wenn man Buddhist ist?

Mir ging es darum, daß der Satz ‚Buddhisten glauben an keinen Schöpfergott‘ im Hinblick auf die Wirkung bei evtl. neu Interessierten so nicht unbedingt stimmt und dem Buddhismus eine ‚theologische Schärfe‘ unterstellt, die er nicht hat. Selbstverständlich hat der Dalai Lama Recht damit, wenn er sagt, daß sich das Postulat eines Schöpfergottes nicht mit der buddhistischen Lehre vereinbaren lässt. Es gibt  aber Buddhisten, die an Gott im Sinne eines Schöpfers, oder wie auch immer ‚glauben‘ und der Buddhismus kennt keine Exkommunikation von Buddhisten, die an Gott glauben. Was Gott oder Götter sind, ist wieder eine andere Frage und ein anderes Thema. Insofern stellt sich ganz generell auch nicht die quasi inquisitorische Fragestellung nach dem, was man ‚als Buddhist glauben darf.‘ (mehr …)

„Ander-Kraft“ – worin besteht das „Anders“-sein und was ist unter „Kraft“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das ‚Andere‘ bezieht sich nicht so sehr auf das ‚Sein‘ (nicht etwa im Sinne christlicher Theologie, die Gott als ‚den ganz anderen‘ definiert, um seine Transzendenz zu betonen), als vielmehr auf die ‚Richtung‘. Wir erfahren den Dharma generell als etwas, das wir quasi ‚von außen‘ erleben, wir hören Belehrungen, lesen Sutren, hören Musik, die die Rituale begleitet, nehmen uns wahr, wie wir den Dharma in unser Leben hereinlassen, was es dann transformiert. Tariki ist oft einfach auch ‚Kraft durch andere‘, die einem zuteil wird. Es ist eben nicht so, daß man beschließt, ’so, jetzt befreie ich mich mal‘ und man legt mit der Praxis los, die einen dann befreit, weil man so fleißig war. Obwohl genau das die Einstellung zu sein scheint, die viele haben, gerade im Westen wird das oft so im Sinne einer ‚Managerreligiosität‘ verstanden. Man erarbeitet sich sein Häuschen, werkelt an seiner Karriere, kraxelt die Leiter des Erfolgs rauf, etc.. und dann überträgt man diese zutiefst ego-zentrische ‚Macher‘-Sicht einfach auf den Buddhismus und erarbeitet und erkämpft sich die Befreiung vom Ego. (mehr …)

Shinjin

Shinjin beschreibt nach Shinran das zentrale spirituelle Ereignis im Leben, welches ein Akt des totalen Vertrauens in das Gelübde Amida Buddhas ist. Es ist dabei jedoch kein Akt einer Entscheidung des Menschen, der zu diesem Ereignis führen würde, sondern eine spontane Realisierung von Vertrauen, die der Mensch ohne eigene Berechnung quasi als geschenkt erfährt. Dieses geradezu mystische Ereignis gilt im Shin Buddhismus als der Schlüssel zur Seinsfrage, da in diesem Moment die Andere Kraft (jap.: tariki) gänzlich die der menschlichen Natur eigene egoistische Berechnung (jap.: hakarai) durchbricht und dem Menschen eine Sicherheit zugänglich macht, die er selber durch eigene Kraft (jap.: jiriki) nicht erreichen kann. (mehr …)

Published in: on 11. März 2009 at 14:09  Schreibe einen Kommentar  
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