Wie wird das 35. Gelöbnis interpretiert? Welche Rolle spielen Frauen im Shin Buddhismus im allgemeinen?

Im “Larger Sutra” steht das 35. Gelöbnis: “If, when I attain Buddhahood, women in the immeasurable and inconceivable Buddha lands of the ten directions who, having heard my Name, rejoice in faith, awaken aspiration for enlightenment, and wish to renounce womanhood should after death be reborn again as women, may I not attain perfect enlightenment.” Wie wird das Gelöbnis interpritiert? Welche Rolle spielen Frauen im Shin Buddhismus im allgemeinen?

Nun, das 35. Gelöbnis ist seit alters her ein problematischer Fall, weil es im Gegensatz zu Shinrans grundsätzlicher Lehre der Erlösung aus dem Vertrauen auf Amida Buddha jenseits aller Bedingungen, die zu erfüllen wären, einem traditionell patriarchalischen Denken verhaftet zu sein scheint. Die Stellung der Frau im Allgemeinen ist im Buddhismus nicht wirklich verschieden von anderen Religionen, die dieses Geschlechterdenken tradieren, was sich entsprechend in den verwendeten Bildern und Symbolen ausdrückt. So hat ein Buddha laut der Tradition 32 grosse Merkmale, sowie 80 kleinere Merkmale, die ihn als solchen auszeichnen und damit kenntlich machen und eines dieser Merkmale ist das männliche Geschlechtsteil. Geht man von einem solchen Bild aus, ist die Vorstellung, eine Frau könnte Buddhaschaft erlangen natürlich ausgeschlossen. Allerdings wäre es dann auch ausgeschlossen, das jemand dessen Augenfarbe nicht schwarz ist, Buddhaschaft erreichen könne, oder der keinen flachen Bauch hat. Die Merkmale eines Buddha sind dieser Vorstellung gemäß die Merkmale eines „grossen Mannes“ und lesen sich wie folgt:

Die 32 Großen Merkmale:

  1. die Fußsohlen eines Buddha sind so weich und eben wie der Brustpanzer einer Schildkröte
  2. auf den Handflächen und Füßen zeichnet sich ein Rad mit tausend Speichen ab
  3. seine Fersen sind schmal
  4. lang und schlank sind die Finger
  5. sanft und zart sind Hände und Füße
  6. die Bindehaut zwischen Zehen und Fingern ist fein wie ein Netz
  7. gewölbt ist der Spann
  8. die Beine sind schlank wie bei einer Gazelle
  9. stehend kann er, ohne sich zu beugen, mit beiden Handflächen die Knie befühlen und berühren
  10. in der Vorhaut verborgen ist das Schamglied
  11. gülden leuchtet der Körper, wie Gold erglänzt seine Haut
  12. die Haut ist geschmeidig, so geschmeidig, dass kein Staub und Schmutz daran haften bleibt
  13. aus jeder Pore wächst nur ein Haar
  14. die Körperbehaarung ist flaumartig
  15. die Haltung ist erhaben und aufrecht
  16. Fußsohlen, Handflächen, Schultern, und Kopf sind wohlgeformt
  17. der Bereich unter den Achseln ist gut gefüllt
  18. der Oberkörper ist löwenhaft, mit breitem Brustkorb
  19. ein Klafter hoch ist sein Wuchs
  20. seine Proportionen sind die des Banyan-Baumes: seine Körperlänge entspricht seiner Armweite, seine Armweite entspricht seiner Körperlänge
  21. gleichförmig sind die Schultern
  22. mächtig sind die Ohrmuscheln
  23. das Kinn ist löwenartig
  24. die Zähne sind vollständig
  25. die Zähne sind gleichmäßig gefügt, nicht auseinanderstehend, glänzend weiß ist das Gebiß
  26. strahlend weiß sind die vier Eckzähne
  27. lang und breit ist die Zunge
  28. tief und klangvoll ist die Stimme
  29. die Augen sind tiefschwarz
  30. die Wimpern sind wie bei einem königlichen Rind
  31. er hat eine weiße, leuchtende ūrṇā zwischen den Augenbrauen
  32. er hat eine Erhebung auf der Mitte des Kopfes

Die 80 Kleineren Merkmale sind:

  1. Er hat schöne Finger und Zehen.
  2. Er hat gut proportionierte Finger und Zehen.
  3. Er hat röhrenförmige Finger und Zehen.
  4. Seine Finger- und Fußnägel haben eine rosige Färbung.
  5. Seine Finger- und Fußnägel laufen leicht nach oben.
  6. Seine Finger- und Fußnägel sind glatt, gerundet und ohne Grate.
  7. Sein Knöchel und Handgelenke sind rund.
  8. Seine Füße sind von gleicher Länge.
  9. Er hat einen schönen Gang, wie der eines Königs-Elefanten.
  10. Er hat einen stattlichen Gang, wie der eines Löwen.
  11. Er hat einen schönen Gang, wie der eines Schwans.
  12. Er hat einen majestätischen Gang, wie der eines königlichen Ochsen.
  13. Sein rechter Fuß führt beim Gehen.
  14. Seine Knie haben keine hervorstehenden Kniescheiben.
  15. Er hat das Auftreten eines edlen Mannes.
  16. Sein Nabel ist ohne Makel.
  17. Er hat einen flachen Bauch.
  18. Er hat Zeichnungen auf dem Bauch, die im Uhrzeigersinn weisen.
  19. Seine Hüften sind abgerundet.
  20. Seine beiden Arme sind wie ein Elefantenrüssel geformt.
  21. Seine Haut ist dick oder dünn, wie es sein sollte.
  22. Seine Haut ist absolut glatt.
  23. Sein Körper ist makellos.
  24. Sein Körper ist makellos von oben bis unten.
  25. Sein Körper ist absolut frei von Verunreinigungen.
  26. Er hat keinen spitzen Ellbogen.
  27. Er hat eine vorspringende Nase.
  28. Seine Nase ist gut proportioniert.
  29. Seine Ober- und Unterlippe sind gleich groß und haben eine rosige Färbung.
  30. Seine Zähne sind makellos und ohne Zahnbelag.
  31. Seine Zähne sind lang wie polierte Muscheln.
  32. Seine Zähne sind glatt und ohne Grate.
  33. Seine fünf Sinnesorgane sind makellos.
  34. Seine vier Eckzähne sind weiß und gerundet.
  35. Sein Gesicht ist lang und schön.
  36. Seine Wangen sind strahlend.
  37. Die Linien auf seinen Handflächen sind tief.
  38. Die Linien auf seinen Handflächen sind lang.
  39. Die Linien auf seinen Handflächen sind gerade.
  40. Die Linien auf den Handflächen haben eine rosige Färbung.
  41. Seinen Körper umgibt eine zwei Meter reichende Aura.
  42. Seine Wangenhöhlen sind vollständig abgerundet und glatt.
  43. Seine Augenlider sind gut proportioniert.
  44. Die fünf Nerven der Augen sind makellos.
  45. Die Spitzen seiner Körperbehaarung sind weder gekrümmt noch abgebogen.
  46. Er hat eine abgerundete Zunge.
  47. Seine Zunge ist weich und hat eine rosige Färbung.
  48. Seine Ohren sind lang wie Lotusblüten.
  49. Sein Ohrlöcher sind schön abgerundet.
  50. Seine Sehnen und Bänder ragen nicht heraus.
  51. Seine Sehnen und Bänder sind tief eingebettet.
  52. Sein Haarknoten ist wie eine Krone.
  53. Seine Stirn ist in Länge und Breite wohl proportioniert.
  54. Seine Stirn ist gerundet und schön.
  55. Seine Augenbrauen sind wie ein Bogen gewölbt.
  56. Die Haare seiner Augenbrauen sind geordnet.
  57. Die Haare seiner Augenbrauen liegen flach an.
  58. Die Haare seiner Augenbrauen sind fein.
  59. Er hat große Augenbrauen.
  60. Seine Augenbrauen erreichen die äußeren Augenwinkel.
  61. Seine Haut ist auf seinem ganzen Körper rein.
  62. Sein ganzer Körper ist reich an Zeichen des Glücks.
  63. Sein Körper ist immer strahlend.
  64. Sein Körper ist immer rein wie eine Lotusblüte.
  65. Sein Körper ist außerordentlich empfindlich auf Berührung.
  66. Sein Körper hat den Duft von Sandelholz.
  67. Seine Körperbehaarung ist immer gleichmäßig in der Länge.
  68. Seine Körperbehaarung ist sehr fein.
  69. Sein Atem ist immer gut.
  70. Sein Mund hat immer ein schönes Lächeln.
  71. Sein Mund hat den Duft einer Lotusblüte.
  72. Sein Haar hat die Farbe von einem dunklen Schatten.
  73. Sein Haar duftet.
  74. Sein Haar hat den Duft eines weißen Lotus.
  75. Sein Haar ist gewellt.
  76. Sein Haar wird nicht grau.
  77. Sein Haar ist fein.
  78. Sein Haar ist entwirrt.
  79. Sein Haar hat lange Locken.
  80. Er hat einen Haarknoten, als ob er mit einer Blumengirlande gekrönt ist.

Es sollte deutlich werden, das wir es hier mit standardisierten Vorstellungen zu tun haben, um ein Wesen zu beschreiben, das laut buddhistischer Vorstellung über allem steht und mit der, einer bestimmten Zeit gemässen, idealtypischen Schablone beschrieben wird. Es überrascht deswegen auch nicht, das die 32 grossen Merkmale identisch zu denen eines Chakravartin sind, also dem entsprechen, wie ein idealtypischer Herrscher nach altindischer Vorstellung auszusehen habe. Wie jede Religion, so war und ist auch der Buddhismus anfällig für ein rein wörtliches Übernehmen von solchen Texten im Sinne einer faktischen Beschreibung mit all den Problemen, die ein solches Haften an Schriften mit sich bringt. Im Laufe der Zeit haben sich dann auch Vorstellungen im Buddhismus verankert, die rein auf gesellschaftlichen Traditionen und Ideen basierten und eine Vorrangstellung des Mannes vor der Frau gehört dazu. Wir finden das in vielen buddhistischen Schulen, in denen etwa Mönche höher stehen als Nonnen usw..

Das 35. Gelöbnis ist demnach sicherlich vor dem Hintergrund dieser Ideen zu betrachten und spricht dabei diese Vorstellung an, eine Frau kann in ihrer spezifischen geschlechtsdefinierten Rolle der Befreiung nicht teilhaftig werden. Im heutigen Shin Buddhismus finden sich denn auch diese traditionellen Werte und Ideen wieder, die eben besonders auch in der japanischen Kultur angelegt sind und selten hinterfragt werden. In nicht-japanischen shin-buddhistischen Gemeinden finden wir ein solches traditionelles Rollenmodell nicht so sehr, was daran liegt, das es im Westen (wo es lange genug natürlich ebenfalls zu den Vorstellungen gehörte, nach denen die Welt funktionierte) durch die Emanzipation der Frau in vielen Bereichen schwer zu vermitteln wäre resp. von weiblichen westlichen Shin-Buddhisten nicht mehr als eigene Definition ihrer gesellschaftlichen oder eben auch spirituellen Rolle akzeptiert wird. Auf der anderen Seite haben wir auch in westlichen Ländern, dort vor allem in den USA, immer noch eine Mehrheit an japanischen oder japanischstämmigen Shin-Buddhisten, bei denen solche alten Vorstellungen oft noch dominieren.

Shinran selbst war natürlich ebenfalls nicht frei von diesen gesellschaftlichen Normen, auch wenn man heute versucht, eben genau das in ihn hineinzulesen, aber es spielte für ihn nicht diese Rolle, die man dieser Vorstellung gemeinhin zuschrieb. Seine ganze Lehre basiert ja auf der Vorstellung, dass der Mensch an sich eine schwache Natur hat, die ihn für negative Emotionen und Motivation aus egoistischer Verblendung heraus anfällig macht – dabei spielt das Geschlecht überhaupt keine Rolle. Und genau vor dieser radikalen Einschätzung des Menschen an sich, relativiert sich für Shinran auch, was man gemeinhin über die Vor- und Nachteile der Geburt als Mann oder Frau gedacht haben mag – oder eben auch heute noch manchmal denkt.

Der Punkt des 35. Gelübdes ist demnach nicht, ob es notwendig ist, als Frau der angestammten Geschlechterrolle zu entfliehen, als Mann wiedergeboren zu werden, um dermaleinst Erleuchtung erfahren zu können, wie es in anderen buddhistischen Traditionen gelehrt wird, sondern einfach der Gedanke, dass auch Frauen durch das Reine Vertrauen in Amida Buddha den unwiederruflichen Schritt in Richtung Erleuchtung, Buddhaschaft, Befreiung machen können („who, having heard my Name, rejoice in faith, awaken aspiration for enlightenment“). Auch hier wird das allerlösende Wirken Amidas betont, sicherlich vor spezifischen traditionellen Vorstellungen, um die es aber eben nicht in erster Linie geht.

Auch hier bleibt die eigentliche Aussage, daß das Vertrauen in Amida Buddha der einzige Weg ist, um die menschliche Natur zu überschreiten und der Erlösung teilhaftig zu werden.

Advertisements
Published in: on 14. Juli 2014 at 14:13  Schreibe einen Kommentar  
Tags: , , ,