Liegt die Hoffnung, vom Leiden befreit zu werden, nur im Tod?

Wenn ich das Tannisho richtig verstanden habe (und es ist durchaus möglich, dass ich es nicht richtig verstanden habe), können Menschen nie ihre eigene Verblendung und blinden Leidenschaften überwinden, so lange sie im menschlichen Körper sind. Nirvana, Erleuchtung, das Reine Land, Buddha-Natur; wir sind alle unfähig, dass alles in diesem Leben zu erfahren. Wenn wir Shinjin haben, dann können wir sicher sein, dass wir durch die Kraft des Amida ins Reine Land hingeboren werden, aber nicht jetzt oder morgen, sondern nur nach dem Tod. So gibt es zwei Optionen: entweder nach Erleuchtung streben durch diesem Ziel nicht förderliche Meditation und darunter zu leiden, oder nicht nach Erleuchtung streben und trotzdem leiden, da wir nichts anderes können außer leiden und auf den Tod warten. Wenn Amida einem nur helfen kann, die Hingeburt ins Reine Land nach dem Tod und nicht im jetzigen Leben zu erlangen, was spricht dann gegen Selbstmord? Im Tannisho steht, dass Menschen es nicht wissen können, was der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Handeln ist. Es kann sein, dass Selbstmord entweder gutes oder schlechtes Karma erzeugt, aber das können wir nicht wissen und werden sowieso leiden, egal ob gutes oder schlechtes Karma zu erleben ist. Liegt die Hoffnung, befreit vom leidenden Lebenskreis zu werden, nur im Tod?

Ich fürchte, das was im Tannisho als Lehre Shinrans tradiert ist, wurde in der Tat hier nicht verstanden. Erst einmal ist die Hingeburt ins Reine Land bei Shinran keine wie sonst im Reine Land Buddhismus gedacht, die eine irgendwie geartete Örtlichkeit beschreibt. Es ist eben nicht so, daß wir hier ‚auf der Erde leben‘ und nach dem Tod ins ‚westliche Paradies eingehen‘, wo wir dann an der Erleuchtung unter anderen Bedingungen arbeiten können. Mit dieser Art von wortwörtlicher Übernahme mythischer Bilder hat Shinran gebrochen und eine in diesen Bildern ausgedrückte Wahrheit wieder zugänglich gemacht – was letztlich den Reine Land Buddhismus auch wieder auf den Boden essentiell buddhistischer Lehren stellte.

Es ist richtig, wir können nach Shinran unsere Leidenschaften, egoistischen Impulse und karmischen Verflechtungen nicht lösen, solange wir biologische Wesen sind, also auf der materiellen Ebene manifestiert sind, die ja erst durch karmische Wirkungen zu eben jener Ebene wurde und beständig wird, auf der wir uns wiederfinden. Shinjin ist nicht die Erleuchtung, sondern das Erfahren der Zusicherung der sicheren Hingeburt, die Zusage, das wir die Erleuchtung erreichen werden. Es ist die Übermittlung von Amidas erleuchtetem Geist, sprich die auf einer tiefen Ebene erfahrbare Tatsache, das wir aus der Gesamtheit der Realität nicht herausfallen können. Es geht ganz traditionell um die Aussage des Mahayana, dass in letzter Konsequenz Samsara und Nirvana identisch sind, eben weil es kein ‚hier und drüben‘, kein ‚Diesseits und Jenseits‘ etc. gibt, diese angenomme Dualität ist eine scheinbare und kreiert durch unsere Verblendungen, die immer nur vom illusionären selbst geschaffenen archimedischen Punkt – dem Ego – ausgeht und von dort alles bewertet und einteilt.

Diese Gleichzeitigkeit wird bei Shinran ausgedrückt durch die Vorstellung, das wir zwar unsere karmischen Bindungen nicht  auf magische Weise los sind, wenn wir den Namen hören, der identisch mit dem Urgelübde ist und zusichert, auf dem Weg zur Erleuchtung nicht mehr zurückfallen zu können, aber wir erleben durch den Namen eine Bewußtwerdung dieser Situation. Die Erfahrung von Shinjin löscht karmische Verflechtungen also nicht aus, sondern transformiert sie, da derjenige, der den Namen, der ihn ruft, wirklich vernommen hat (es geht also um die tatsächliche spirituelle Erfahrung dieser Präsenz) seine Verblendung erkennt und sein ‚hakarai‘, seine berechnende Art, die immer nur auf sein Ich bezogen war, langsam aufgibt. Eben dann werden Leidenschaften und egozentrische Impulse als solche erkennbar und in diesem Erkenntnisakt in etwas Positives umgewandelt.

Aber dies geschieht auf natürlichem Weg – jinen – es entwickelt sich durch die Ander-Kraft und nicht durch unser Zutun, viel eher durch unser Loslassen generell solcher Überlegungen. Im Augenblick des Todes, der eintritt wenn karmische Impulse sich erschöpft haben, wandelt sich das Vertrauen in die tatsächliche Erfahrung der Erleuchtung, die Hingeburt ins Reine Land ist ohne Verzögerung identisch mit der Buddhaschaft.

Selbstmord ist immer problematisch im buddhistischen Verständnis, auch wenn es z.B. die Beispiele buddhistischer Mönche gibt, die Selbstverbrennungen als politischen Protest durchführten. Vom Grundsatz her wäre dies nur zu vertreten, wenn feststehen würde, daß hier ein Verwirklichter sich opfert, um etwas Positives zu erreichen. Da aber dies schwer bis gar nicht feststellbar ist (vom shin-buddhistischen Standpunkt auch als unmöglich eingestuft würde) und auch der vermeintlich positive Aspekt zumindest fraglich ist, bleibt es eine rein theoretische Frage, die nicht die Tatsache ändert, das auch diese Handlungen negativ zu beurteilen sind – vom generellen- , wie auch vom karmischen Aspekt her. Die Beendigung des eigenen Lebens führt laut buddhistischer Auffassung nur dazu, daß sich die unverbrauchten karmischen Impulse wieder manifestieren müssen, es also zur Wiedergeburt kommt. In shin-buddhistischer Sicht würde es nur zeigen, das eben kein wirkliches Shinjin gegeben ist, weil wieder aus reiner Berechnung heraus gehandelt wurde.

Die eigentliche Hoffnung liegt also nicht ‚im Tod‘ sondern im Loslassen, im Aufgeben einer wie auch immer gearteten Wertigkeit und Erwartungshaltung. Das reine Hören des Namens, der sich im Nembutsu selber spricht und den Menschen der dies erfährt, ganz natürlich wandelt.

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Published in: on 22. Juli 2014 at 14:08  Schreibe einen Kommentar  
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Die „Shinshu-Perspektive“ ist in diesem Sinne doch ebenfalls nichts anderes als „theoretische Überlegung“, oder?

Deine plötzliche Skepsis gegenüber „theoretischen Überlegungen“ ist ein wenig überraschend – und vor allem ziemlich betriebsblind.
Die „Shinshu-Perspektive“ selbst ist in diesem Sinne doch ebenfalls nichts anderes als „theoretische Überlegung“.

Es ist weder das eine, noch das andere. Ich bin nicht ’skeptisch gegenüber theoretischen Überlegungen‘ und sicher, auch die Lehren Shinrans sind natürlich spirituell-philosophische Modelle, wie andere auch. Also auch von ‚betriebsblind‘ keine Spur. Ich fürchte, wir reden aneinander vorbei, wenn wir von theoretischen Überlegungen sprechen. Was ich meinte war, daß all das, was man im buddhistischen Kontext der Kultivierung der Dharma-Praxis als dezidierten Weg ein ziemlich genau definiertes (Heils-) Ziel zu erreichen, zuschreibt, eine ‚theoretische Überlegung‘ bleibt. Eben weil es dieses Endziel offenbar nicht zu verwirklichen hilft. Das meinte ich mit, es gibt sehr viele Buddhisten, aber keine Buddhas.

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Ist Luthers ’sola fide‘ Lehre nicht dasselbe wie die ‚Ander-Kraft‘ im Sinne Shinrans?

Im Christentum“ sind die Positionen dazu nicht ganz einheitlich – vor allem Luthers Gnadenlehre (die wiederum stark auf Augustinus fußt) jedoch verweist sehr radikal und exklusiv auf die ‚Ander-Kraft‘: „sola fide“. Aber auch die katholische Kirche hat 1999 die ‚Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre‘ gemeinsam mit Lutherischen Weltbund und dem Weltrat methodistischer Kirchen unterzeichnet, in der es u.a. heisst:

„Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“

Da sehe ich durchaus einen Berührungspunkt (zu Shinran).


Nun, sicherlich wird man dem Christentum nicht gerecht, wenn man es als monolithischen theologischen Block begreift, was es definitiv nicht ist. Ich bin mir wohl bewußt, daß es gewisse ‚Berührungspunkte‘ zwischen Luther und Shinran gibt, sowohl, was ihre Person, als auch, was ihre Lehren betrifft – nicht umsonst spricht man bei Shinran gerne vom ‚japanischen Luther‘. Aber es sind eben nur Berührungspunkte und auch nur dann, wenn man die zugrundeliegenden philosophischen Parameter ihrer Gedankengänge bewußt ausklammert, oder zumindest weniger stark gewichtet, als es ihnen zukommt.

Das oft anzutreffende unvoreingenommene Gleichsetzen der sola fide Idee bei Luther mit dem, was Shinran in Bezug auf Shinjin lehrte, greift m.E. zu kurz, eben weil diese Berührungspunkte dann stärker gewichtet werden, als die philosophischen Unterschiede, die beiden Doktrinen zugrundeliegen – und dies führt zu einer gewissen verzerrten Wahrnehmung. Luthers justificatio etwa ist immer im genuin christlichen Verständnis eine Rechtfertigung im persönlichen Verhältnis von Gott und Mensch, ist Rechtfertigung in und durch Christus  und zwar zwingend vor dem Hintergrund der christlich verstandenen Heilsgeschichte. Das quasi erlösende Bewußtsein, welches bei Luther ebenso der entscheidende Aspekt ist, wie bei Shinran und ebenso ganz klar nicht mit ‚guten Werken‘ zu erreichen ist, bleibt aber  dennoch eines im Verständnis der christlichen Schöpfungslehre (die eben die Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung definiert und damit die Natur der Wesen bedingt) und der christlichen Vorstellung dessen, wer oder was Gott ist. (mehr …)

„Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse?“ – Ähnlichkeiten zum Christentum?

Also meine Frage bezüglich Christentum und Shin-Buddhismus bezieht sich auf Takamaro Shigaraki, der da offenbar, so wie ich das auch bei Volker Zotz meine zu sehen, eine Beziehung sieht und ja von Paul Tillich beeinflusst worden sei.
Kennst du sein „Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse?“ Das ist eine bestimmte christliche Einstellung, die sich bei Küng auch findet.

Ja, ich kenne das Buch und es gibt die Shinshu Perspektive korrekt wieder. Die Aussage „Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse“ geht direkt auf Shinran zurück, der damit deutlich machen wollte, daß derjenige, der sich für ‚gut‘ und ‚rechtschaffen‘ hält, weniger in der Lage ist, die Kräfte, die ihn tatsächlich antreiben, zu erkennen, als derjenige, der sich über seine Natur keine großen Illusionen macht. Weiterhin verhindert eine solche Einstellung, die die eigenen Schwächen nicht sieht, daß man in der Lage und Willens ist, sich der ‚anderen Kraft‘ anzuvertrauen (was nichts anderes als einen genuin buddhistisch verstandenen Perspektivenwechsel meint, weg vom Ego hin zum ‚Nicht-Ich‘), weil diese permanente Selbstbespiegelung bezogen auf diese vermeintliche Rechtschaffenheit dem im Wege steht.

In Shinrans Worten:

„Though it is so, people commonly say, „Even an evil person attains birth, so it goes without saying that a good person will.“ This statement may seem well-founded at first, but it runs counter to the intent of the Primal Vow, which is Other Power. This is because people who rely on doing good through their self-power fail to entrust themselves wholeheartedly to Other Power and therefore are not in accord with Amida’s Primal Vow, but when they overturn the mind of self-power and entrust themselves to Other Power, they will attain birth in the true and real fulfilled land.

It is impossible for us, who are possessed of blind passions, to free ourselves from birth-and-death through any practice whatever. Sorrowing at this, Amida made the Vow, the essential intent of which is the evil person’s attainment of Buddhahood. Hence, evil persons who entrust themselves to Other Power are precisely the ones who possess the true cause of birth.

Accordingly he said, „Even the good person is born in the Pure Land, so without question is the person who is evil.“

Ob das eine Einstellung ist, die sich auch im Christentum findet, kann ich so pauschal nicht beurteilen, denke aber, Shin Buddhismus und Christentum sind zwei recht unterschiedliche Lehren. Shinshu steht fest auf buddhistischem Boden, was einen Vergleich mit dem Christentum von vornherein hinken lässt. Das Vertrauen, welches man im Christentum findet, ist nicht eine Lehre absoluter Ander-Kraft, wie sie von Shinran gelehrt wird.

Diesbezüglich hier einige Kommentare von Rev. Philipp Karl Eidmann:

Is Shin Buddhism the same as Christianity?

Ist ‘Mappo’ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran?

Ist ‚Mappo‘ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran, und damit im Prozeß der Inkulturation von Jôdo-Shinshû in unsere Gesellschaft modifizierbar, oder siehst Du sie tatsächlich als eine ‚zeitlose‘ und unveränderliche dogmatische Aussage?

Nun, so ganz schwarz/weiß ist es wieder mal nicht, wie so oft. Die Idee des Mappo, also des Einsetzens des Niedergangs des Dharma nach dem Tod des historischen Buddha, gehört sicherlich zum Buddhismus allgemein, insofern ist der Buddhismus wohl die einzige Religion, die ihr eigenes Ende quasi gleich mit prophezeit.

Shinran lebte natürlich in einem spezifischen zeitlichen und kulturellen Kontext und was seine Lehre und seine Person so faszinierend macht, ist eben die Tatsache, daß er ein sehr origineller Denker war, der sich nicht scheute, die Schriften eben aufgrund seiner Erfahrung zu interpretieren und nicht anders herum. Er belebte  die Reine Land Vorstellungen, die durch seinen Lehrer Honen zur eigenen Schule in Japan organisiert wurden, der Jodu Shu – durch eine Neuinterpretation der zugrundeliegenden Bilder und Ideen. Ebenso wie er das Reine Land nicht als ‚Ort im Westen‘ und als ‚Durchgangsort zum Nirvana‘ verstand, sondern die ‚Geburt im Reinen Land‘ als Verwirklichung der Erleuchtung begriff, so gab er auch anderen traditionellen Begriffen wie icchantika oder eben mappo eine andere Bedeutung, als sie es bis dahin hatten. (mehr …)

Wie würdest Du Deine ‚Gottheit‘ beschreiben?

Es würde mich interessieren, wie jene hier in diesem Forum (-> bezieht sich auf das Forum, wo diese Frage an alle gestellt wurde), die an eine Gottheit glauben, diese beschreiben. Also, was macht sie verehrungswürdig? Wie manifestiert sie sich? Was sind ihre Kräfte und sind sie in irgendeiner Weise eingeschränkt?

Nun, ich weiß nicht, ob die buddhistische Sicht für Dich interessant ist (-> die Frage wurde in einem Forum gestellt, welches vor allem von Theisten (Christen, Bahai, Mormonen) besucht wird), da Du explizit nach einer Gottheit fragst, aber ich werde es versuchen entsprechend zu beantworten. Ich werde es möglichst kurz machen, aber vorher ist es wichtig, deutlich zu machen, was ich meine, wenn ich eine Frage nach ‚meiner Gottheit‘ beantworte.

In der Tradition der Jodo Shinshu haben wir einen bestimmten Buddha als Fokus unserer Spiritualität und dies ist Amida Buddha. (mehr …)

Was war Shinrans Ansicht bezüglich eines übernatürlichen Wesens und dessen Eingreifen in das individuelle Dasein der Wesen?

Shinran war Buddhist und das bedeutete für ihn erst einmal, was es grundsätzlich für alle Buddhisten bedeutet – Götter, ‚übernatürliche Wesen‘, Geister etc. werden nicht geleugnet, sie spielen aber für die Erlangung der Befreiung aus dem Leiden keine Rolle, sind also nicht ‚heilsrelevant‘. Allerdings gab es in Japan schon zu Shinrans Zeiten eine starke Verflechtung des Buddhismus mit den Kami, also den Gottheiten des Shinto, sowie die  offizielle Funktion der verschiedenen Schulen und Tempel im Sinne einer ‚magischen‘ Schutzwirkung für den Staat und die Bürger. Dort wurden Riten ausgeführt, von denen sich der Kaiser und das Herrscherhaus, aber auch das ganze Land, Frieden und Stärke erhoffte.

Das buddhistische Institutionen sich in diese magische Denkweise und Struktur einfügten, mag man nun entweder als Adaption an die bestehenden politischen und kulturellen Verhältnisse deuten, oder aber im Sinne einer generellen Korrumpierung des buddhistischen Klerus und des Dharma. Ich persönlich denke, es wird wohl eine Mischung aus beidem sein, die zu dieser – in allen Religionen zu findenden – Entwicklung geführt hat. Letztlich war es eben auch diese Verflechtung der Tempel in die politischen Verhältnisse und die starke Ausrichtung auf diese magischen Praktiken und die staatlichen Funktionen, die es für jene, die ernsthaft nach persönlicher Befreiung suchten, sehr schwer machte, dieser Motivation auch folgen zu können – und was eben zur Gründung der ’neuen Schulen‘ in der Kamakura Zeit Japans führte, wie Nichiren- Buddhismus, Zen und Jodo Shu/Jodo Shinshu.

(mehr …)

Was für einen Glauben hatten Sie vor der Konversion?

Ursprünglich war ich bereits als Jugendlicher sehr stark am Buddhismus interessiert und habe mich ab dem Alter von 14 mit dem Dharma beschäftigt. Etwa vier Jahre habe ich vor allem die Traditionen Theravada, Zen und später auch Vajrayana (Tibetischer Buddhismus) studiert.

Danach kam eine Phase, in der ich mich sehr für den ‚okkulten Untergrund des Abendlandes‘ interessierte, also Gnostizismus und hermetische Magie, was zur ‚Begegnung‘ mit der Figur Aleister Crowleys führte. Crowleys Thelema Lehre wurde für viele Jahre meine persönliche Richtschnur und Basis einer spirituellen Entwicklung und praktisch gelebten Magie, wobei festgehalten werden muss, dass sich auch in Crowleys Lehre (die kein Satanismus ist, wie leider allzu oft von unwissender Seite propagiert wird – nachzulesen in meiner religionswissenschaftlichen Studie: Aleister Crowley’s Scientific Illuminism. Magie und Mystik als angewandte Psychologie zur Transformation des Menschen) viel von dem findet, was auch der Buddhismus in seinen vielfältigen Schulen lehrt und das eigentliche Hauptziel, die Entmachtung des Egos, welches die leidschaffenden Illusionen aufrecht erhält, im Grunde gleich ist. (mehr …)

Ist das Konsumieren von Fleisch verwerflich?

(die Frage war Teil einer Umfrage in einem buddhistischen Forum und wurde eingeleitet mit, (was meine Antwort mitgefärbt hat):

Fleischkonsum ist für eine so bewusst lebende und denkende Spezies wie uns Menschen in der Tat [aus meinem subjektiven ethischen Bestreben] sehr verwerflich! (aus dem Grund der Bewusstheit)
Verwerflich, zumindest dann, wenn man sich nicht notwendigerweise davon ernähren muss, weil man sonst sterben würde!

Nun, diese vegetarischen Threads sind ja recht beliebt in buddhistischen Foren.

Erst einmal finde ich schon, daß die Art und Weise, wie diese ‚Umfrage‘ hier eingeleitet wird, sehr wohl gleich von vornherein eine unzulässige Wertung darstellt, indem das Fleisch essen bereits als ‚verwerflich‘ hingestellt wird (ob nun aus subjektiver Sicht oder nicht), bevor hier noch groß drüber abgestimmt wird. Entweder hätte man den Thread anders benennen sollen (Stimmt ihr mir zu, daß Fleisch essen verwerflich ist?) oder man hätte die Frage ohne diese suggerierende vegetarische Einleitung stellen müssen.

Auch ist es eine beliebte ‚Masche‘ das Fleisch essen immer nur mit der industrialisierten Massentötung und -verwertung gleichzusetzen und dem dann den Vegetarismus als ethisch reine Alternative entgegenzustellen. Es gibt aber sehr wohl verschiedene Umstände und viele, die Fleisch essen wollen/müssen, lehnen diese Art der Tierhaltung und -verwertung ebenfalls ab – und beziehen ihr Fleisch deswegen auch vom örtlichen Metzger, der die Tiere vom ebenso örtlichen Bauern bezieht. Da fällt all das in der Regel weg, was man in diesen, zugegebenermaßen schlimmen, Filmen immer so sieht. (mehr …)

Published in: on 10. März 2010 at 17:39  Schreibe einen Kommentar  
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Aber der Dalai Lama sagt, daß Gott & Buddhismus nicht vereinbar sind!?

Zwei Zitate vom Dalai Lama aus dem Buch „ Der buddhistische Weg zum Glück“ :

Ein Gott ist ein unabhängiges ewiges Wesen, das kurz gesagt, nicht leer ist.
Im Anfangsstadium kann man durchaus beides sein, praktizierender Buddhist und Christ. Doch wenn man dann irgendeinem Pfad weit genug folgt, wird es schließlich notwendig werden, einen spirituellen Weg samt der ihm zugrunde liegenden Metaphysik zu akzeptieren.

Daraus folgere ich, dass sich der Glauben an einen Schöpfergott und der Buddhismus nicht vereinbaren lassen. Christen können wohl Teile aus dem Buddhismus verwenden, aber solange sie nicht die Leerheit anerkannt haben sind sie Christen und keine Buddhisten. Denn sollten sie die Leerheit anerkennen, werden sie an keinen Schöpfergott mehr glauben.

Zeigt das nicht, daß man nicht an Gott glauben darf, wenn man Buddhist ist?

Mir ging es darum, daß der Satz ‚Buddhisten glauben an keinen Schöpfergott‘ im Hinblick auf die Wirkung bei evtl. neu Interessierten so nicht unbedingt stimmt und dem Buddhismus eine ‚theologische Schärfe‘ unterstellt, die er nicht hat. Selbstverständlich hat der Dalai Lama Recht damit, wenn er sagt, daß sich das Postulat eines Schöpfergottes nicht mit der buddhistischen Lehre vereinbaren lässt. Es gibt  aber Buddhisten, die an Gott im Sinne eines Schöpfers, oder wie auch immer ‚glauben‘ und der Buddhismus kennt keine Exkommunikation von Buddhisten, die an Gott glauben. Was Gott oder Götter sind, ist wieder eine andere Frage und ein anderes Thema. Insofern stellt sich ganz generell auch nicht die quasi inquisitorische Fragestellung nach dem, was man ‚als Buddhist glauben darf.‘ (mehr …)

„Ander-Kraft“ – worin besteht das „Anders“-sein und was ist unter „Kraft“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das ‚Andere‘ bezieht sich nicht so sehr auf das ‚Sein‘ (nicht etwa im Sinne christlicher Theologie, die Gott als ‚den ganz anderen‘ definiert, um seine Transzendenz zu betonen), als vielmehr auf die ‚Richtung‘. Wir erfahren den Dharma generell als etwas, das wir quasi ‚von außen‘ erleben, wir hören Belehrungen, lesen Sutren, hören Musik, die die Rituale begleitet, nehmen uns wahr, wie wir den Dharma in unser Leben hereinlassen, was es dann transformiert. Tariki ist oft einfach auch ‚Kraft durch andere‘, die einem zuteil wird. Es ist eben nicht so, daß man beschließt, ’so, jetzt befreie ich mich mal‘ und man legt mit der Praxis los, die einen dann befreit, weil man so fleißig war. Obwohl genau das die Einstellung zu sein scheint, die viele haben, gerade im Westen wird das oft so im Sinne einer ‚Managerreligiosität‘ verstanden. Man erarbeitet sich sein Häuschen, werkelt an seiner Karriere, kraxelt die Leiter des Erfolgs rauf, etc.. und dann überträgt man diese zutiefst ego-zentrische ‚Macher‘-Sicht einfach auf den Buddhismus und erarbeitet und erkämpft sich die Befreiung vom Ego. (mehr …)

Was ist die Essenz, der Kern der Lehre von Shinran?

Nun, das ist – wie so oft – nicht ganz einfach, es in wenigen Sätzen zu erklären. Ich will es dennoch versuchen, auf den Punkt zu bringen.

Shinran Shonin (‚Shonin‘ ist ein Ehrentitel, sein Name war Shinran) lebte von 1173 – 1263 und gehört damit zu den ‚Reformern‘ in der Kamakura Zeit in Japan (er war Zeitgenosse von Dogen und Nichiren). Er ging als junger Mann in die Klosteruniversität des Berges Hiei, die zur Tendai Richtung des Buddhismus zählte. Dort übte er sich 20 Jahre lang in den diversen Disziplinen, was aber relativ fruchtlos für ihn blieb, d.h. es stellte sich eine ziemliche Ernüchterung bei ihm ein, daß man die Erleuchtung auch nach so langer intensiver Praxis offenbar nicht erreicht.

In der Zeit wirkte Honen Shonin, der die Jodo Shu (Schule des Reinen Landes) gegründet hatte, eine Schule, die die bereits sehr lange Tradition des Reinen Landes des Buddhas Amida (eine aus den früheren Buddhas Amithaba und Amitayus ‚gebildete‘ Vorstellung) in den Mittelpunkt rückte und damit zu einer eigenen Richtung innerhalb des Buddhismus machte. Vorher waren diese Ideen um Amida Teil anderer Richtungen und die Praxis der Rezitation des ‚Nembutsu‘ – die ständige Vergegenwärtigung der ‚rettenden Kraft‘ Amidas durch seinen Namen – Namu Amida Butsu (Ich nehme meine Zuflucht zu Amida Buddha) – wurde als eine Praxis unter vielen betrachtet. (mehr …)

Shinjin

Shinjin beschreibt nach Shinran das zentrale spirituelle Ereignis im Leben, welches ein Akt des totalen Vertrauens in das Gelübde Amida Buddhas ist. Es ist dabei jedoch kein Akt einer Entscheidung des Menschen, der zu diesem Ereignis führen würde, sondern eine spontane Realisierung von Vertrauen, die der Mensch ohne eigene Berechnung quasi als geschenkt erfährt. Dieses geradezu mystische Ereignis gilt im Shin Buddhismus als der Schlüssel zur Seinsfrage, da in diesem Moment die Andere Kraft (jap.: tariki) gänzlich die der menschlichen Natur eigene egoistische Berechnung (jap.: hakarai) durchbricht und dem Menschen eine Sicherheit zugänglich macht, die er selber durch eigene Kraft (jap.: jiriki) nicht erreichen kann. (mehr …)

Published in: on 11. März 2009 at 14:09  Schreibe einen Kommentar  
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