Ist ‘Mappo’ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran?

Ist ‚Mappo‘ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran, und damit im Prozeß der Inkulturation von Jôdo-Shinshû in unsere Gesellschaft modifizierbar, oder siehst Du sie tatsächlich als eine ‚zeitlose‘ und unveränderliche dogmatische Aussage?

Nun, so ganz schwarz/weiß ist es wieder mal nicht, wie so oft. Die Idee des Mappo, also des Einsetzens des Niedergangs des Dharma nach dem Tod des historischen Buddha, gehört sicherlich zum Buddhismus allgemein, insofern ist der Buddhismus wohl die einzige Religion, die ihr eigenes Ende quasi gleich mit prophezeit.

Shinran lebte natürlich in einem spezifischen zeitlichen und kulturellen Kontext und was seine Lehre und seine Person so faszinierend macht, ist eben die Tatsache, daß er ein sehr origineller Denker war, der sich nicht scheute, die Schriften eben aufgrund seiner Erfahrung zu interpretieren und nicht anders herum. Er belebte  die Reine Land Vorstellungen, die durch seinen Lehrer Honen zur eigenen Schule in Japan organisiert wurden, der Jodu Shu – durch eine Neuinterpretation der zugrundeliegenden Bilder und Ideen. Ebenso wie er das Reine Land nicht als ‚Ort im Westen‘ und als ‚Durchgangsort zum Nirvana‘ verstand, sondern die ‚Geburt im Reinen Land‘ als Verwirklichung der Erleuchtung begriff, so gab er auch anderen traditionellen Begriffen wie icchantika oder eben mappo eine andere Bedeutung, als sie es bis dahin hatten. (mehr …)

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Ist nach Deinem Verständnis die Shinjin Erfahrung auf Shinrans Weg beschränkt?

Ich frage ich mich, ob nach Deinem Verständnis die Erfahrung von  ‚Shinjin‘ auf Shinrans Weg beschränkt ist, oder ob auch wir ‚anderen‘ Buddhisten diese Erfahrung bei unserer Vipassana-, Chan/Zen-,  Mahamudra-, etc.-Praxis erleben können. Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, können wir dann ‚Shinjin’=Stromeintritt=Satori schreiben?

Shinjin gilt bei Shinran als Erfahrung, die sich gerade dann auftut (zumindest als Möglichkeit), wenn man alle auf Eigen-Kraft basierenden Übungen aufgibt. Insofern müsste man wohl konsequenterweise sagen, daß diese Erfahrung sich nicht einstellt (genauer: sich nicht einstellen kann), wenn man Übungen des ‚Pfads der Weisen‘ verfolgt. Dies deshalb, weil es nach Shinran schlicht unmöglich ist, daß ‚Ich‘ als treibende Kraft – im Sinne einer ständigen Durchdringung mit egoistischen Einflüssen, egal wie subtil auch immer – abzuschalten, oder zu umgehen. Der Unterschied zwischen den Wegen zeigt sich ja für Shinran genau in diesem Punkt und solange man meint, durch diverse Übungen die Erleuchtung verwirklichen zu können, ist dieser Wunsch gleichzeitig der Balken, der diese Türe blockiert, um es einmal bildhaft zu formulieren. (mehr …)