Welche Rolle spielen die Bodhisattvas im Shin-Buddhismus?

Welche Rolle spielen die vielen Bodhisattvas im Shin-Buddhismus, z.B. Avalokiteshvara? Ich weiß, dass “monotheistisch” nicht das angebrachte Wort ist, aber schließt die wichtige Stellung des Amida andere Figuren wie Kannon oder Manjusri Bodhisattva aus? In anderen Traditionen ist Vairocana ein Bild der Dharmakaya, aber ist es “Frevel” für Shin Buddhisten, Bilder oder Statuen von anderen Buddhas und Bodhisattvas zu haben oder Mantras zu benutzen, die sich an den Bodhisattvas orientieren, wie “Namo Kuan Shi Yin Pusa”?

Grundsätzlich ist die Stellung Amida Buddhas im Shin Buddhismus in der Tat absolut, sprich andere Buddhas oder auch Bodhisattvas treten da erst einmal in den Hintergrund, auf der ‚buddhologischen‘ Ebene ist das ganz eindeutig so. Andererseits ist es gerade im Verständnis Shinrans sehr wichtig sich nicht über bestimmte Begrifflichkeiten einzuengen und von der Wahrheit abzuschotten und es gibt natürlich im Shin-Buddhismus als gelebte Religion ganz andere Betonungen als etwa an der Universiät. Man darf auch nicht vergessen, daß Shinran im Rokkakudo Tempel der Kannon eben jene Vision oder Traum hatte, der ihn letztlich auf den Weg zu seinem späteren Lehrer Honen brachte. Shinran sah später auch in seiner Frau eine Verköperung Kannons, was diese Figur ganz nah und persönlich werden ließ.

Kannon (die in Japan gebräuchliche (weibliche) Form des Avalokiteshvara) ist wie Amida Buddha keine historische Figur, sondern eine besondere Manifestation des Allerbarmens und als solche vor allem wegen ihrer Fähigkeit verschiedene Formen anzunehmen, die der jeweiligen Situation entsprechen, zu einer der beliebtesten und am stärksten verehrten ‚buddhistischen Gottheiten‘  in Japan geworden. Man kennt die Tausendarmige Kannon, die in ihrer Allpräsenz jedermann immer die Hand reichen kann, es gibt die elfköpfige Kannon, die für 11 besondere Aspekte des Bodhisattvas steht, ja es gibt sogar eine pferdeköpfige Kannon, die als Beschützerin der Tiere gilt. Man kann sagen, daß Kannon als spezifische Manifestation Amidas gilt, wenngleich im Volksglauben zwischen ihnen natürlich unterschieden wird.

Manjusri Bodhisattva (Monju Bosatzu in Japan) ist ebenfalls im täglichen Leben ein oft angerufener Helfer, etwa wenn es um das Bestehen von Examen geht, spielt aber innerhalb der shin-buddhistischen ‚Theologie‘ sozusagen, keine besondere Rolle. Dafür steht neben Kannon als zweite wichtige Figur Seishi Bodhisattva  (Mahasthamaprapta), der ebenfalls als eine Verköperung der Weisheit gilt und zwar besonders jener, die dazu anhält, sich die Notwendigkeit bewusst zu machen, aus dem leidvollen Kreislauf der Geburten auszuscheiden. Amida, Kannon und Seishi stehen deshalb oft auch zusammen als Triade in den Tempeln, bekannt als Amida Sanzon.

Kannon ist die persönlich erfahrbare Präsenz Amidas als Allerbarmen, die tausendfache Form in der die Andere Kraft in unserem Leben wirkt und angesprochen werden kann. Seishi ist die Weisheit, die einen das Mitgefühl realisieren lässt, Kannon das Mitgefühl, welches die Weisheit leitet. Amida ist die Quelle und der Urgrund aus dem beides emporsteigt.

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Widerspricht Shinrans Lehre nicht dem, was der Buddha gelehrt hat?

„It is impossible for us, who are possessed of blind passions, to free ourselves from birth-and-death through any practice whatever.“ (Shinran)

Zunächst einmal betont der historische Buddha Shakyamuni, soweit wie  uns die Pali-Sutten und chin. Agamas darüber Auskunft geben, das genaue  Gegenteil der obigen Aussage von Shinran.  Nun werden vermutlich die wenigsten von uns hier im klassischen,  frühbuddhistischen Sinn Arhatschaft erlangt haben, so daß sie in diesem  Sinn ‚frei von Geburt und Tod‘ sind, und insofern können wir aus  *eigener* Erfahrung Shinrans Satz weder verifizieren noch widerlegen.

 

Nun, ich denke, die meisten dürften sehr wohl bestätigen können, daß sie, nach egal wie langer Praxis, die Buddhaschaft noch nicht erlangt haben. Es ist ja gerade diese Erfahrung des Scheiterns, die Shinran und in Folge all jene, die diese Selbst-Kraft Übungen versucht haben, zu der Einsicht brachten, daß dies nicht der Weg sei. Dass der historische Buddha etwas anderes lehrte, mag sein. Aber da Jodo Shinshu eine Schule des Mahayana ist, dürfte dies das geringste Problem darstellen und kann wohl auch nicht als ‚Argument‘ dagegen gelten. Der historische Buddha hat weder etwas zu einer Drei-Leiber-Vorstellung, noch zur Existenz Amidas, eines Ewigen Buddha wie im Lotus Sutra proklamiert, oder auch diverser anderer Lehren gesagt, die im Mahayana zu den zentralen, oder zumindest wichtigen, Lehraspekten gehören.

Das Mahayana sieht sich weniger einer historischen Person verpflichtet, als dem durch diese angestoßenen dynamischen Prozess einer Befreiuung vom Leiden. Das Mahayana ist die philosophische Ausformulierung und Durchdenkung frühbuddhistischer Ideen und Lehren, es basiert nicht auf reiner Rezitation vergangener Erfahrungen, die in historische Schriften gemeißelt sind, sondern eher auf den direkten Erfahrungen jener, die sich in diesem dynamischen Prozess einer ‚Wahrheitsfindung‘ befunden haben und befinden und damit den Kontext dieses weitergehenden Prozesses mit definieren. Das stellt sich eben auch deutlich dar im Perspektivenwechsel weg vom Buddha als Person hin zum Buddha als Prinzip. (mehr …)

Was war Shinrans Ansicht bezüglich eines übernatürlichen Wesens und dessen Eingreifen in das individuelle Dasein der Wesen?

Shinran war Buddhist und das bedeutete für ihn erst einmal, was es grundsätzlich für alle Buddhisten bedeutet – Götter, ‚übernatürliche Wesen‘, Geister etc. werden nicht geleugnet, sie spielen aber für die Erlangung der Befreiung aus dem Leiden keine Rolle, sind also nicht ‚heilsrelevant‘. Allerdings gab es in Japan schon zu Shinrans Zeiten eine starke Verflechtung des Buddhismus mit den Kami, also den Gottheiten des Shinto, sowie die  offizielle Funktion der verschiedenen Schulen und Tempel im Sinne einer ‚magischen‘ Schutzwirkung für den Staat und die Bürger. Dort wurden Riten ausgeführt, von denen sich der Kaiser und das Herrscherhaus, aber auch das ganze Land, Frieden und Stärke erhoffte.

Das buddhistische Institutionen sich in diese magische Denkweise und Struktur einfügten, mag man nun entweder als Adaption an die bestehenden politischen und kulturellen Verhältnisse deuten, oder aber im Sinne einer generellen Korrumpierung des buddhistischen Klerus und des Dharma. Ich persönlich denke, es wird wohl eine Mischung aus beidem sein, die zu dieser – in allen Religionen zu findenden – Entwicklung geführt hat. Letztlich war es eben auch diese Verflechtung der Tempel in die politischen Verhältnisse und die starke Ausrichtung auf diese magischen Praktiken und die staatlichen Funktionen, die es für jene, die ernsthaft nach persönlicher Befreiung suchten, sehr schwer machte, dieser Motivation auch folgen zu können – und was eben zur Gründung der ’neuen Schulen‘ in der Kamakura Zeit Japans führte, wie Nichiren- Buddhismus, Zen und Jodo Shu/Jodo Shinshu.

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Angepasste Lehren (gon-kyo)

Lehren, die in ihren Formulierungen dem Verständnis und den Bedürfnissen des Einzelnen entgegenkommen, im Gegensatz zu den ‚wirklichen‘ Lehren, die ein Ausdruck der Wahrheit an sich sind.

Shinran beschreibt in einem seiner Briefe auch die vorübergehenden Manifestationen verschiedener Buddhas und Bodhisattvas, die bereits die Buddhaschaft erlangt haben und in ihren angenommenen Formen Anstöße zur Erkenntnis vermitteln mit diesem Begriff.

Published in: on 10. März 2009 at 14:09  Schreibe einen Kommentar  
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