„Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse?“ – Ähnlichkeiten zum Christentum?

Also meine Frage bezüglich Christentum und Shin-Buddhismus bezieht sich auf Takamaro Shigaraki, der da offenbar, so wie ich das auch bei Volker Zotz meine zu sehen, eine Beziehung sieht und ja von Paul Tillich beeinflusst worden sei.
Kennst du sein „Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse?“ Das ist eine bestimmte christliche Einstellung, die sich bei Küng auch findet.

Ja, ich kenne das Buch und es gibt die Shinshu Perspektive korrekt wieder. Die Aussage „Sogar der Gute wird erlöst, wie viel mehr der Böse“ geht direkt auf Shinran zurück, der damit deutlich machen wollte, daß derjenige, der sich für ‚gut‘ und ‚rechtschaffen‘ hält, weniger in der Lage ist, die Kräfte, die ihn tatsächlich antreiben, zu erkennen, als derjenige, der sich über seine Natur keine großen Illusionen macht. Weiterhin verhindert eine solche Einstellung, die die eigenen Schwächen nicht sieht, daß man in der Lage und Willens ist, sich der ‚anderen Kraft‘ anzuvertrauen (was nichts anderes als einen genuin buddhistisch verstandenen Perspektivenwechsel meint, weg vom Ego hin zum ‚Nicht-Ich‘), weil diese permanente Selbstbespiegelung bezogen auf diese vermeintliche Rechtschaffenheit dem im Wege steht.

In Shinrans Worten:

„Though it is so, people commonly say, „Even an evil person attains birth, so it goes without saying that a good person will.“ This statement may seem well-founded at first, but it runs counter to the intent of the Primal Vow, which is Other Power. This is because people who rely on doing good through their self-power fail to entrust themselves wholeheartedly to Other Power and therefore are not in accord with Amida’s Primal Vow, but when they overturn the mind of self-power and entrust themselves to Other Power, they will attain birth in the true and real fulfilled land.

It is impossible for us, who are possessed of blind passions, to free ourselves from birth-and-death through any practice whatever. Sorrowing at this, Amida made the Vow, the essential intent of which is the evil person’s attainment of Buddhahood. Hence, evil persons who entrust themselves to Other Power are precisely the ones who possess the true cause of birth.

Accordingly he said, „Even the good person is born in the Pure Land, so without question is the person who is evil.“

Ob das eine Einstellung ist, die sich auch im Christentum findet, kann ich so pauschal nicht beurteilen, denke aber, Shin Buddhismus und Christentum sind zwei recht unterschiedliche Lehren. Shinshu steht fest auf buddhistischem Boden, was einen Vergleich mit dem Christentum von vornherein hinken lässt. Das Vertrauen, welches man im Christentum findet, ist nicht eine Lehre absoluter Ander-Kraft, wie sie von Shinran gelehrt wird.

Diesbezüglich hier einige Kommentare von Rev. Philipp Karl Eidmann:

Is Shin Buddhism the same as Christianity?

Wie würdest Du Deine ‚Gottheit‘ beschreiben?

Es würde mich interessieren, wie jene hier in diesem Forum (-> bezieht sich auf das Forum, wo diese Frage an alle gestellt wurde), die an eine Gottheit glauben, diese beschreiben. Also, was macht sie verehrungswürdig? Wie manifestiert sie sich? Was sind ihre Kräfte und sind sie in irgendeiner Weise eingeschränkt?

Nun, ich weiß nicht, ob die buddhistische Sicht für Dich interessant ist (-> die Frage wurde in einem Forum gestellt, welches vor allem von Theisten (Christen, Bahai, Mormonen) besucht wird), da Du explizit nach einer Gottheit fragst, aber ich werde es versuchen entsprechend zu beantworten. Ich werde es möglichst kurz machen, aber vorher ist es wichtig, deutlich zu machen, was ich meine, wenn ich eine Frage nach ‚meiner Gottheit‘ beantworte.

In der Tradition der Jodo Shinshu haben wir einen bestimmten Buddha als Fokus unserer Spiritualität und dies ist Amida Buddha. (mehr …)

Wie kann Amida wirken, wenn er nur ein Mythos, eine Fiktion ist?

Du beziehst Dich auf das Essay von Dr. Nobuo Haneda, in dem er Amida ein ‚personal Symbol‘ nennt. Nun Deine Verwirrung ist verständlich, aber letztlich liegt es nur daran, daß Du denkst, ein ‚Mythos‘ sei das gleiche wie eine Lüge. Das Problem ist einfach, daß wir nicht mehr gewohnt sind,  den tatsächlichen Gehalt und die eigentliche Bedeutung von Symbolen wahrzunehmen. Für uns sind Symbole etwas ohne ‚wirkliche‘ Essenz, ohne tatsächlichen Inhalt, ohne Realität, die dahinter steht. Es ist einfach ein Zeichen, eine Botschaft, die in einer bestimmten Gestalt daherkommt. Ich denke, es liegt daran, daß wir eben nicht mehr in den ‚mythischen Zeiten‘ leben, wo die Leute ein gänzlich anderes Verständnis dieser Dinge hatten. Wir versuchen alles rational zu erfassen und zu bewerten und können diese Bilder nur schwer mit dem in Übereinstimmung bringen, was wir als menschliche Wesen überhaupt in der Lage sind zu begreifen. Amida ist nicht ‚einfach nur ein Symbol‘, ebenso wie der Mythos vom Reinen Land nicht einfach ’nur eine nette Geschichte‘ ist. Ich würde vorschlagen, Du befasst Dich einmal ausgiebig mit dem, was der bekannte amerikanische Mythologe Joseph Campbell über Mythen und Symbole zu sagen hatte. Etwa folgendes:

Myth is the secret opening through which the inexhaustible energies of the cosmos pour into human manifestation.

… a symbol, a mythic symbol, does not refer to something which is known or knowable in that rational way. It refers to a spiritual power that is operative in life and is known only through its effects. (mehr …)

Kann man als Shin Buddhist eine feste Zeit für das Nembutsu einrichten?

Ich habe kürzlich etwas über Honen Shonin gelesen, wo es hieß:

„Auch wenn wir nicht die Zeiten direkt festlegen, um das Nembutsu als unsere tägliche Aufgabe zu rezitieren, ist es nicht von Vorteil, es so oft wie möglich zu tun?“ – „Es ist besser, die Zeiten festzulegen, damit man nicht der Bequemlichkeit nachgibt.“

Nun weiß ich, daß Shinran absolute Ander-Kraft gelehrt hat, aber wäre es denn in Ordnung, wenn ich bestimmte Zeiten festlege, um das Nembutsu zu chanten?

Sicher wäre das in Ordnung. Die meisten Shin Buddhisten machen es so, daß sie einer bestimmten Routine im ‚Shin Service‘ folgen, entweder morgens oder abends, oft sogar sowohl als auch. Dabei orientiert sich das Prozedere an den Zeiten, die in den Tempeln eingehalten werden und man rezitiert ebenfalls die Briefe Rennyos, die Hymnen Shinrans usw..

Anfangs habe ich das ebenfalls so gemacht, bis ich gemerkt habe, daß wenn ich mal nicht die Zeit hatte, es durchzuführen, oder einfach nicht ‚in Stimmung‘ war, ich dazu tendierte  zu denken ‚Ich sollte morgen damit wieder anfangen…‘ oder irgendwas in dieser Richtung. Und das wiederum erschien mir irgendwann nicht ‚richtig‘, denn ein Teil von mir brachte diesen festen Shin Service und die dadurch aufkommende Routine in der Praxis mit meinem Vertrauen auf das Urgelübde zusammen, ja betrachtete es wohl als notwendigen Zusatz. Es ist eine recht dünne Trennlinie zwischen einfach bequem sein und eine solche reguläre Praxis bewußt nicht zu machen, weil man realisiert, daß das Ego sie wieder als sine qua non ansehen könnte und als Werkzeug benutzt, so daß man seine spirituelle Praxis davon freihalten möchte. (mehr …)

Published in: on 29. März 2010 at 13:06  Schreibe einen Kommentar  
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Anjin und Shinjin – glauben an, oder vertrauen auf?

Der oft von Rennyo verwendete Begriff  ‚Anjin‘ bedeutet soviel wie ‚friedlicher Geist‘, beschreibt also einen Geisteszustand, der erfüllt ist von Frieden.  ‚Shinjin‘ bedeutet ‚anvertrauter Geist‘ und meint den Zustand vollkommenen Vertrauens auf das Gelübde Amida Buddhas. Rennyo verwendete sehr oft den Begriff Anjin und setzte ihn mit dem von Shinran bevorzugten Shinjin inhaltlich gleich. Shinran wiederum benutzte nur selten Anjin, er zitiert diesen Begriff in seinen Schriften hier und da,  da er als solches bereits vor Shinran benutzt wurde, etwa von Shandao Dashi, aber erst Rennyo verwendet beide Begriffe gleich oft.

Diese Tatsache und daß Rennyo beide vom Inhalt her gleichsetzt, hat letztlich dazu geführt, daß es zu einer gewissen Unschärfe und Bedeutungsverschiebung gekommen ist, wenn es darum geht, wie man heute in der Jodo Shinshu Shinjin versteht. Es gibt denn auch eine – bis heute andauernde – Diskussion darüber, ob beide Begriffe das gleiche bedeuten oder nicht und die offizielle Interpretation der Lehren Shinrans, wie wir sie im Hongwanji finden, basiert grundsätzlich auf der Annahme, daß Rennyo Shinran immer korrekt wiedergibt.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele, die diesem Verständnis ablehnend gegenüberstehen und zwischen beiden Begriffen deutliche Unterschiede wahrnehmen. Shinran hat nie den Versuch gemacht, die Erfahrung des Shinjin in irgendeiner Weise zu begrenzen, oder von Zeichen abhängig zu machen, die belegen könnten, wer echtes Shinjin hat und wer nicht. Er hat keinerlei Dogmen damit verbunden und immer deutlich gemacht, daß diese Schlüsselerfahrung im Leben des Einzelnen nicht nur nicht von diesem hervorgerufen werden kann, sondern eben auch eine rein persönliche Erfahrung ist und bleibt. Sie steht als solche jenseits jeglicher Bewertung und Kritik durch andere. (mehr …)

„Ander-Kraft“ – worin besteht das „Anders“-sein und was ist unter „Kraft“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das ‚Andere‘ bezieht sich nicht so sehr auf das ‚Sein‘ (nicht etwa im Sinne christlicher Theologie, die Gott als ‚den ganz anderen‘ definiert, um seine Transzendenz zu betonen), als vielmehr auf die ‚Richtung‘. Wir erfahren den Dharma generell als etwas, das wir quasi ‚von außen‘ erleben, wir hören Belehrungen, lesen Sutren, hören Musik, die die Rituale begleitet, nehmen uns wahr, wie wir den Dharma in unser Leben hereinlassen, was es dann transformiert. Tariki ist oft einfach auch ‚Kraft durch andere‘, die einem zuteil wird. Es ist eben nicht so, daß man beschließt, ’so, jetzt befreie ich mich mal‘ und man legt mit der Praxis los, die einen dann befreit, weil man so fleißig war. Obwohl genau das die Einstellung zu sein scheint, die viele haben, gerade im Westen wird das oft so im Sinne einer ‚Managerreligiosität‘ verstanden. Man erarbeitet sich sein Häuschen, werkelt an seiner Karriere, kraxelt die Leiter des Erfolgs rauf, etc.. und dann überträgt man diese zutiefst ego-zentrische ‚Macher‘-Sicht einfach auf den Buddhismus und erarbeitet und erkämpft sich die Befreiung vom Ego. (mehr …)

Was ist die Essenz, der Kern der Lehre von Shinran?

Nun, das ist – wie so oft – nicht ganz einfach, es in wenigen Sätzen zu erklären. Ich will es dennoch versuchen, auf den Punkt zu bringen.

Shinran Shonin (‚Shonin‘ ist ein Ehrentitel, sein Name war Shinran) lebte von 1173 – 1263 und gehört damit zu den ‚Reformern‘ in der Kamakura Zeit in Japan (er war Zeitgenosse von Dogen und Nichiren). Er ging als junger Mann in die Klosteruniversität des Berges Hiei, die zur Tendai Richtung des Buddhismus zählte. Dort übte er sich 20 Jahre lang in den diversen Disziplinen, was aber relativ fruchtlos für ihn blieb, d.h. es stellte sich eine ziemliche Ernüchterung bei ihm ein, daß man die Erleuchtung auch nach so langer intensiver Praxis offenbar nicht erreicht.

In der Zeit wirkte Honen Shonin, der die Jodo Shu (Schule des Reinen Landes) gegründet hatte, eine Schule, die die bereits sehr lange Tradition des Reinen Landes des Buddhas Amida (eine aus den früheren Buddhas Amithaba und Amitayus ‚gebildete‘ Vorstellung) in den Mittelpunkt rückte und damit zu einer eigenen Richtung innerhalb des Buddhismus machte. Vorher waren diese Ideen um Amida Teil anderer Richtungen und die Praxis der Rezitation des ‚Nembutsu‘ – die ständige Vergegenwärtigung der ‚rettenden Kraft‘ Amidas durch seinen Namen – Namu Amida Butsu (Ich nehme meine Zuflucht zu Amida Buddha) – wurde als eine Praxis unter vielen betrachtet. (mehr …)

Shinjin

Shinjin beschreibt nach Shinran das zentrale spirituelle Ereignis im Leben, welches ein Akt des totalen Vertrauens in das Gelübde Amida Buddhas ist. Es ist dabei jedoch kein Akt einer Entscheidung des Menschen, der zu diesem Ereignis führen würde, sondern eine spontane Realisierung von Vertrauen, die der Mensch ohne eigene Berechnung quasi als geschenkt erfährt. Dieses geradezu mystische Ereignis gilt im Shin Buddhismus als der Schlüssel zur Seinsfrage, da in diesem Moment die Andere Kraft (jap.: tariki) gänzlich die der menschlichen Natur eigene egoistische Berechnung (jap.: hakarai) durchbricht und dem Menschen eine Sicherheit zugänglich macht, die er selber durch eigene Kraft (jap.: jiriki) nicht erreichen kann. (mehr …)

Published in: on 11. März 2009 at 14:09  Schreibe einen Kommentar  
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