Welche Bedeutung hat der Sangha für den shinbuddhistischen Weg?

Da es in Deutschland nur wenige Zentren des Shin-Buddhismus gibt und ich fernab von diesen wohne (sicherlich auch etliche andere) dreht sich meine Frage darum, wie und ob man den Weg Shinrans ohne die Sangha beschreiten kann?

Wie in so vielen Dingen hat Shinran auch in Bezug auf den Sangha und seine Bedeutung für den Praktizierenden ein gewisses Umdenken gebracht. Ursprünglich bezeichnet der Sangha die Gemeinschaft der Ordinierten, also die Mönchs- später auch die Nonnengemeinschaft (Bhikkhu-Sangha/Bhikkhuni-Sangha), die in den frühen Traditionen des Buddhismus die eigentliche Gemeinschaft derer war, die überhaupt Befreiung erreichen konnten, in diesen Schulen noch strikt als Arhat definiert. Später in den Schulen des Mahayana, der als Ziel den Bodhisattva in den Fokus rückte, weichte diese starre Sichtweise auf und der Sangha umfasste auch die Laien, die durch Kultivieren des Weges grundsätzlich das Ziel ebenso erreichen können, wie die Ordinierten. Es gab gemäß dieser Sichtweise auch den weiter gefassten Begriff Ariya-Sangha, der Gemeinschaft der ‚Edlen‘, welche der Lehre Buddhas folgen.

In der Lehre Shinrans verloren diese Ideen einer möglichen Trennung von Laienschaft und Ordinierten grundsätzlich an Bedeutung, da Shinran weniger die Gemeinschaft, ganz egal wie sich diese nun definierte, in den Mittelpunkt rückte, sondern ganz eindeutig das Individuum. Die Lehre vom Allerbarmen Amida Buddhas, wie Shinran sie formulierte, erschütterte somit die traditionellen Vorstellungen des Buddhismus, wie sie sich über die Zeit hinweg etabliert hatten. Und wenn man auch sicherlich davon ausgehen kann, daß der historische Buddha einer als Gemeinschaft ordinierter, zölibatär lebender Menschen als Lehrer vorstand, ist es ebenso deutlich in den Quellen, daß er Laien Rat gab und sie in seiner Lehre unterwies, ja ihnen auch das Beschreiten des Weges als Möglichkeit nicht absprach. Der Weg der Ordnierten war wohl eher als spezieller Sonderweg gedacht und hatte nicht diese oft kalte Ausschließlichkeit, die den Laien auf eine niedrigere Stufe stellte, wie sich dies dann im Laufe der Jahrhunderte im Buddhismus entwickelte.

Insofern kam Shinran mit seiner radikalen Absage an eine Sangha der Ordinierten, dem ursprünglichen Ansatz Buddhas näher, als spätere dogmatisch anmutende Trennungen von einer spirituell unfähigen Laienschaft. Im Laufe der Zeit haben sich in der institutionalisierten Shinshu auch wieder bestimmte Elemente etabliert, die wenig mit dem zu tun haben, was Shinran lehrte oder grundsätzlich im Sinn hatte, so auch die Priesterschaft, bestimmte Weihungen, die der eine hat, der andere dann nicht etc.. Im heutigen Shin Buddhismus gibt es nachwievor keine Ordinierten, der Priester wird oftmals auch verstanden als reiner Amtsträger, der eben für die kultische Handlung ausgebildet und verantwortlich ist, so daß hier weniger eine Trennung spürbar ist, als es in anderen Schulen der Fall sein mag. Der Sangha wird gemäß mahayanischem Grundverständnis als Gemeinschaft all jener verstanden, die auf dem Weg sind, hat aber natürlich auch die spezifischere Bedeutung einer Gemeinschaft „vor Ort“, einer Gemeinde, einer Gruppe Studierender, oder wie auch immer sich dies darstellt. Allerdings handelt es sich hier eher um eine organisatorische Einheit und nicht um eine spirituelle Bedingung für das Kultivieren des Weges, deswegen lässt sich die Frage ganz eindeutig beantworten: nein, man braucht keine Sangha, keine Gemeinschaft, um die Lehre Shinrans zu leben. Die Frage nach dem ‚wie‘ hat hingegen so viele Antworten wie es Menschen gibt, die ergriffen vom Nembutsu, dem Namen der sie ruft, diesen Weg beschreiten – insofern kann ich hier auch keine definitive Antwort geben 🙂

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Published in: on 2. September 2014 at 11:42  Schreibe einen Kommentar  
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