Wo siehst Du die wesentlichen Unterschiede zwischen Shinran Shonin und Ryonin?

Wo siehst Du die wesentlichen Unterschiede zwischen Shinran Shonin und Ryonin (Yuzu Nembutsu Shû)? Hatte letztgenannter Einfluss auf Honen Shonin [und dadurch, oder gar direkt] auf Shinran Shonin? Wenn ja, wieso wird er dann nicht zu den Patriarchen gezählt?

Nun, die Unterschiede in den Lehren von Ryonin und Shinran sehe ich im Grunde ähnlich denen zwischen Shinran und Ippen. Aber vielleicht lässt sich die Frage besser beantworten, wenn man zuerst einmal auf den zweiten Teil eingeht, den Einfluss Ryonins auf Honen betreffend. Ryonin war ebenfalls verwurzelt in der Tendai Tradition, die zu seiner Zeit auch verstärkt Reine Land Lehren aus China in die eigene Lehre aufgenommen hatte. Man darf ja nicht vergessen, daß das, was wir heute als Reine Land Buddhismus, oder als Nembutsu Weg, kennen, nicht plötzlich ganz neu in einem Vakuum entstand ohne jedwede Vorläufer. Das Nembutsu als Praxis und zwar als eine unter vielen möglichen, war in sehr vielen buddhistischen Schulen Teil der Studien, in der Tendai Sekte ebenso wie etwa in der Shingon Schule. Neu war in dieser Entwicklung allerdings der konsequente Schritt Honens, das Nembutsu zur alleinigen Praxis und damit gültig für alle zu machen. Eben darauf beruht der reformatorische, oder revolutionäre Aspekt der Reine Land Lehren, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Das eine einfache Praxis nun für alle gelten soll, egal ob Ordinierter oder Laie, war für die traditionellen großen Schulen des japanischen Buddhismus eine Entwicklung, die sie natürlich nicht gutheißen konnten, entzog eine solche Lehre ihnen doch jeglichen Anspruch auf Macht oder auch nur Relevanz. Für all jene, die in einer strikt institutionalisierten Staatsreligion, die eng mit Macht und Geld verbunden war, keinen Platz hatten, sprich die normalen Leute, vor allem aber die, welche durch ihren Lebensunterhalt als Soldaten, Jäger, Fischer oder Prostituierte gänzlich ausgeschlossen waren durch permanente Verletzung der buddhistischen Ethik, der Silas, war es ein Aufbruch von starren Strukturen, die es ihnen erlaubte teilzunehmen am gelebten Buddhismus.

Ryonin ist ein Vorläufer dieser Entwicklung, denn auch er sah im Nembutsu einen Weg, der grundsätzlich allen offen stand, auch er war unzufrieden als Mönch auf dem Berg Hiei und verließ ihn, wie später viele andere, darunter Honen, Nichiren und Shinran, um seinen eigenen spirituellen Weg zu gehen. Er befasste sich sehr intensiv mit Shomyo, einer besonders entwickelten Rezitation von Sutren und Hymnen und mass einer solchen Verbalisierung der inneren spirituellen Erfahrung ebenso großen Wert bei, wie Honen es als Grundlage seiner Nembutsu Chants tat. Sowohl Ryonin, als auch Honen, begründeten eigene Schulen als Konsequenz ihrer spezifischen Dharma-Interpretaion, Ryonin die Yuzu Nembutsu-shu (etwa Schule des umlaufenden/zirkulierenden Nembutsu) und Honen später die Jodo Shu (Schule des Reinen Landes), aus der wiederum durch spezifische Unterschiede in der Auslegung der grundlegenden Lehren, die Jodo Shinshu (Wahre Schule des Reinen Landes) in der Folge von Shinrans Wirken entstand. Beide sind auch gekennzeichnet durch einen starken Einschnitt in ihrem persönlichen Leben, der mit einer Erweckung zu einer bestimmten Überzeugung einherging, eine Art buddhistisches Damaskuserlebnis sozusagen. Die Erkenntnis des Nembutsu als besonderem Weg, fällt bei Ryonin wie bei Honen zusammen mit ihrer Unzufriedenheit als Tendai-Mönch, die bei beiden eine enorme Spannung aufkommen ließ und die im Nembutsu einen Ausweg fand. Ihre innere Sehnsucht nach spiritueller Praxis war nicht mit dem in Einklang zu bringen, was sie auf dem Berg Hiei als Dharmapraxis kennenlernten – oder eben nicht kennenlernten, denn dort war man nicht nur mit scholastischer Gelehrsamkeit, sondern auch mit Politik und selbst Angriffen durch sog. ‚Krieger-Mönche‘ verfeindeter Schulen konfrontiert. Insofern sind sicher beide sehr verwandte Geister und beide darin auch Shinran sehr ähnlich.

Ryonin scheint der im Tendai propagierten Idee des hongaku (‚ursprüngliche‘ oder ‚eingeborene‘ Erleuchtung;  man muss die Erleuchtung also nicht erreichen, im Sinne von neu verwirklichen, sondern man muss sich ihrer nur bewußt werden, da sie einem bereits als Natur zugrundeliegt) gefolgt zu sein, die Honen strikt ablehnte, da er darin den Grund für den Niedergang buddhistischer Praxis sah – wenn ich denke, ich bin bereits erleuchtet, gibt es wenig Grund für spirituelle Praxis.

Diese Idee des hongaku zusammen mit Ryonins Studien des kegon kyō (Avatamsaka Sutra) führten wohl zu seiner besonderen Ausformulierung des yuzu nembutsu. Dieses Mahayana Sutra zeichnet in besonderer Weise das Bild einer in sich verflochtenen Realität, in der alles mit allem zusammenhängt (die theoretischen Überlegungen der Quantenphysik zur sog. ‚Verschränkung‘ der im Universum existierenden Elemente kommt einem spontan in den Sinn), so daß die Praxis von Ryonins Nembutsu einen ganz besonderen Charakter annimmt. Jeder, der als Einzelner das Nembutsu chantet, beeinflusst damit auch alle anderen und alle, die das Nembutsu chanten, beeinflussen damit auch wieder mich als Einzelnen. In diesem Sinne ist die von Ryonin propagierte Lehre in ihrer Praxis der Ausdruck dieser grundlegenden Mahayana Idee der Wechselbeziehung der Phänomene. 

Ryonin hatte ganz im Geiste der synkretistischen Tendai Lehren wenig Berührungsängste mit shintoistischen Göttern und visionäre Erscheinungen derselben, wie auch von Amida Buddha selbst, gehören zu seiner spirituellen Biographie. So soll ihm Amida selber diese besondere Lehre des Yuzu Nembutsu dargelegt haben, mit den Worten:

„Ein Mensch ist gleich allen Menschen
Alle Menschen sind gleich einem Menschen
Eine Übung ist gleich allen Übungen
Alle Übungen sind gleich einer Übung
Dies ist die Erlangung (往生, ōjō) der Ander-Kraft (他力, tariki)

Die zehn Welten (十界, jikkai) sind in einem einzigen Gedanken
Und falls das yūzū nembutsu unzählige Male rezitiert wird
Werden alle Tugenden vollkommen sein“


Eine solche Bedeutung von Visionen und Erscheinungen finden wir allerdings nicht bei Honen oder Shinran, wobei letzterer in seinem Leben allenfalls einige bedeutungsvolle Träume hatte, die er entsprechend auch als sinngebend verstand. Aber weder Honen noch Shinran gaben an, direkte Offenbarungen von Amida Buddha bekommen zu haben. Das bringt Ryonin wiederum näher an Ippen heran, der ebenfalls Einsichten, die er in seiner Lehre darlegte, zuweilen auf eine solche direkte Offenbarung zurückführte und ähnlich wie Ippen war Ryonin eine bestimmte Struktur wichtig (so wurden auch bei ihm jene in ein besonderes Buch eingetragen, die sich zu einer regelmäßigen Nembutsu Rezitation verpflichteten, ähnlich dem Buch, das Ippen führte, wo jene namentlich erwähnt waren, die seine fuda entgegengenommen hatten). Es zeigt sich in diesen Visionen aber eben auch die Verwurzelung in den Tendai-Lehren, denn die Praxis des meditativen Nembutsu, die dort auch gelehrt wurde, ging davon aus, das man nach einer Weile des Nembutsu Chantens und der inneren Visualisierung Amidas, oder des Reinen Landes, diese sehen könne.

Ebenso wie bei Honen ist das Nembutsu bei Ryonin eine wirksame Praxis und die Rezitation bewirkt die Entfaltung seiner quasi mantrahaften Erlösungsfähigkeit. Hier haben wir eine klassische buddhistische Praxis vor uns, die zumindest mit auf Eigenkraft (jiriki) des Einzelnen abzielt, um die Befreiung zu erlangen und somit sind beide – Ryonin, wie auch Honen – hier weit entfernt von der absoluten Ausrichtung auf die Ander-Kraft, wie sie Shinran lehrt. Honen sah den Wert der Praxis wohl gerade im Kontrast zur erlebten Wirklichkeit des Niedergangs derselben in den traditionellen Schulen seiner Zeit und konnte sich nicht von der Praxis als solcher lösen, wie dies Shinran danach in so konsequenter Weise tat. Ryonin wiederum war wohl eher noch grundsätzlich dem Praxisverständnis des Tendai, im Sinne der notwendigen Eigenbemühung, verpflichtet.

Weiterhin hat sich Ryonin nicht auf die später durch Honen exklusiv erwählten drei Amida Sutren, die die Grundlage der Jodo Shu und der Shinshu bilden, berufen, sondern stützte sich weit mehr auf das Lotus Sutra und das Avatamsaka Sutra. Shinran wiederum steht in eigener Verantwortung wenn man ihn mit diesen beiden Lehrern vergleicht, er verschärfte Honens Ansatz in dem er sich vor allem auf das 18. Gelübde Amidas (das Urgelübde) aus diesen drei Sutren stützte und alles andere quasi als Erklärung zu diesem einen Gelübde verstand. Allerdings zog er in seinem Hauptwerk, dem Kyogyshinsho auch eine Vielzahl an anderen Sutren heran, um seine Interpretaion des Nembutsu Weges zu begründen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, daß Shinran nicht wirklich in Übereinstimmung mit Ryonins Ideen war, die weit eher dem Tendai-Verständnis verhaftet blieben, was sich eben auch darin zeigt, auf welche Sutren er sich stützte. Die Praxis des Nembutsu, wenngleich sicher interessant in ihrer Interpretation als Geflecht sich gegenseitig untertützender spiritueller Praxis des Einzelnen und der Gruppe derer, die das Nembutsu chanten, ist nach wie vor genau das: Praxis als persönliche Bemühung um Verdienste und/oder zum Zwecke der Verwirklichung der Erleuchtung. Und genau das ist es, was Shinran in seinem spirituellen Verständnis transzendiert hat und in der Folge als sinnlos ablehnte.

Die Bezugnahme auf Shintogottheiten findet bei Shinran keinerlei Entsprechung, der strikt auf einer Trennung von Shinto und Buddhismus bestand und in diesem Sinne den Dharma nicht mit anderen Ideen vermischen wollte. Eine Beeinflussung Honens durch Ryonin lässt sich in einem direkten Sinne sicher nicht nachweisen, auch hier geht es mehr um ähnliche Gedanken und Einstellungen, ähnliche Reaktionen auf das erlebte Umfeld und eine verwandte spirituelle Biographie. Insofern beantwortet sich dann auch die Frage, warum Shinran Ryonin nicht zu den Patriarchen gezählt hat, in deren Folge er seine eigene Lehrauslegung sah.

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