Die „Shinshu-Perspektive“ ist in diesem Sinne doch ebenfalls nichts anderes als „theoretische Überlegung“, oder?

Deine plötzliche Skepsis gegenüber „theoretischen Überlegungen“ ist ein wenig überraschend – und vor allem ziemlich betriebsblind.
Die „Shinshu-Perspektive“ selbst ist in diesem Sinne doch ebenfalls nichts anderes als „theoretische Überlegung“.

Es ist weder das eine, noch das andere. Ich bin nicht ’skeptisch gegenüber theoretischen Überlegungen‘ und sicher, auch die Lehren Shinrans sind natürlich spirituell-philosophische Modelle, wie andere auch. Also auch von ‚betriebsblind‘ keine Spur. Ich fürchte, wir reden aneinander vorbei, wenn wir von theoretischen Überlegungen sprechen. Was ich meinte war, daß all das, was man im buddhistischen Kontext der Kultivierung der Dharma-Praxis als dezidierten Weg ein ziemlich genau definiertes (Heils-) Ziel zu erreichen, zuschreibt, eine ‚theoretische Überlegung‘ bleibt. Eben weil es dieses Endziel offenbar nicht zu verwirklichen hilft. Das meinte ich mit, es gibt sehr viele Buddhisten, aber keine Buddhas.

Okay, verzichten wir mal auf alle Theorie und beschränken wir uns auf historisch-religionssoziologische Fakten und die Empirie. Was bleibt dann? Eine breite religiöse Bewegung im Japan der Kamakura-Zeit, die sich gegen die herrschende Tendai-Ideologie des inklusivistischen Ekayana wandte und stattdessen die Exklusivität ganz bestimmter religiöser Praktiken propagierte. Da können wir Dogen, Shinran und Nichiren ohne weiteres über einen Kamm scheren, das ist alles ’selektiver‘ (senjaku) Buddhismus – nur dass jeweils eine andere religiöse Praxis (shogyo) die Rolle der höchsten Lehre und ‚wahrer‘ buddhistischer Praxis einnimmt. Bei Dogen ist es Zazen, bei Shinran das Nembutsu, bei Nichiren Shodai.

Vielleicht ist es in meinen, sicher notgedrungen verkürzenden, Anmerkungen zur Lehre Shinrans nicht deutlich geworden wieso, aber was Du da schreibst, ist schlicht falsch. Wir können die von Dir genannten Lehrer und Begründer eigener Schulen (die eben allesamt wie Shinran Tendai Mönche auf dem Berg Hiei waren) nicht ‚über einen Kamm scheren‘. Dogen, Nichiren und Honen haben in der Tat jeweils eine Praxis aus vielen gewählt (oder neu dazu ernannt) und dann als alleinige Praxis zur Erlangung des buddhistischen Heilsziels propagiert. Das ist auch der Grund, warum – trotz Shinrans lebenslanger Verehrung für seinen Lehrer Honen – die Jodo Shu inhaltlich nicht der Jodo Shinshu nahesteht, sondern dem eher ‚traditionellen‘ Reine Land Buddhismus, wie wir ihn sonst auch kennen. Dort ist in der Tat das Nembutsu die allein als wirksam propagierte (meditative und/oder rezitative) Praxis, vergleichbar der Schlüsselstellung, die ZaZen bei Dogen einnimmt und der Bedeutung, die das Nam-Myoho-Renge-Kyo bei Nichiren hat. Shinran hebt sich von diesen Lehren eines ‚senjaku‚ Buddhismus ab, nicht weil er eine andere Praxis erwählt, sondern weil er keine Praxis erwählt und die Absage an eine solche Praxis zum Weg erklärt. Das Nembutsu, was bei seinem Lehrer Honen noch die essentielle Praxis war, wird von Shinran jeglichem Praxisbezug auf Seiten des Übenden, enthoben:

“In the nembutsu, having no self-power practice is the true practice. The nembutsu is beyond description, beyond explanation, beyond our grasping. The nembutsu is neither a religious practice nor a good act.“(Shinran)

Gerade weil das Nembutsu die Manifestation des ‚Dharmakaya als Mitgefühl‘ ist- die ohne den kalkulierenden Geist des Individuums aufscheint -, wird diese ‚Nicht-Praxis‘, welche eine grundsätzliche Öffnung/Überschreitung der Egoschranken erlaubt, damit zur ‚Großen Praxis‘.

The great practice is to say the Name of the Tathagata of unhindered Light. This practice, embodying all good acts and possessing all roots of virtue, is perfect and most rapid in bringing about birth. It is the treasure ocean of virtues that is Suchness or true reality. For this reason, it is called great practice. (Shinran)

Ansonsten gibt es theoriefrei nur noch die persönliche empirische Erfahrung. Da kann ich aus meinem persönlichen Nähkästchen hoffentlich einigermaßen glaubwürdig berichten, dass die Zazen-Praxis offenbar gegen Schlafstörungen hilft und generell zu einem gelasseneren und entspannteren Verhalten im Alltag führt. Das sind Zuschreibungen, die sich im Zweifelsfall auch verifizieren (oder falsifizieren) ließen. Über den Rest können wir gerne auch schweigen.

Nun, aber es geht doch viel eher um diesen ‚Rest‘, wie ich finde. Niemand hat bestritten, oder wird es tun wollen, daß Meditation – ganz gleich welcher Form auch immer – positive Auswirkungen hat. Aus diesem Grund bieten mittlerweile auch viele Shinshu Tempel Meditationskurse an, wie ich bereits erwähnte. Für manche Menschen mag sie ihrer individuellen psychischen Disposition wegen allerdings auch schädlich sein – wie überall, gibt es hier nicht ein absolutes ‚richtig‘ oder ‚falsch‘.

Bist Du Buddhist geworden, weil Du ein Mittel gegen Schlafstörungen gesucht hast? Ist ‚die Schlafstörung‘ die essentielle Frage, die Dich als philosophisch interessierten Menschen beschäftigt und die Frage auf die der Buddha eine Antwort suchte? Ist es das ‚gelassene und entspannte Verhalten im Alltag‘ was in allen buddhistischen Schulen als Endziel der Kultivierung der Dharmapraxis und der letztendlichen Verwirklichung propagiert wird? Ist Erleuchtung etwa, gelassen sein und keine Schlafstörungen mehr haben? Wenn dem so sein sollte für Dich, dann ja, gestehe ich gerne zu, gibt es wenig bis keine Zweifel, daß spirituelle Praxis zur Erleuchtung führt. Bleiben wir aber bei etwas traditionelleren – und wesentlicheren – Definitionen von Erleuchtung, dann sieht die Sache etwas weniger positiv aus. Ich lese hier immer wieder von Empirie, von persönlicher Erfahrung, die irgendwas belegen oder beweisen soll. Von Zuschreibungen diverser Status bezogen auf Lehrpersönlichkeiten aufgrund des kulturellen Kontextes einer etablierten Religion (dieser oder jener Lehrer gilt in dieser oder jener Tradition als Erleuchteter etc.), über Schriftzeugnisse aus vergangener Zeit, bis hin zu Selbstdarstellungen jener, die vorgeben, eine solche Stufe der Verwirklichung erreicht zu haben, findet sich vieles, was scheinbar auf die Existenz von Erleuchteten in unserer Welt hinweist. Allerdings bleibt davon nicht viel, wenn man es an dem misst, was traditionell diesem Status der Verwirklichung zugeschrieben wird.

Weder im Theravada, noch im Mahayana ist ein Arhat/Buddha ein gewöhnlicher gelassener Mensch, der gut schläft, sondern einer, der die Grundfesseln samsarischer Existenz vollständig überwunden und damit einen menschlich-allzumenschlichen Zustand transzendiert hat. Ich wüßte niemanden in überschaubaren Zeiträumen, der das so über bestimmte Übungen verwirklicht hat und selbst wenn man es einem oder zweien zuschreiben würde, bliebe ein ziemliches Ungleichgewicht, was die Möglichkeiten dieser Verwirklichung angeht, bezogen auf die Gesamtheit derer, die Übungen praktizieren, die genau dies als ‚Ziel‘ haben. Insofern unterstützt die ‚Empirie‘ eher Shinrans Ansicht, das es offenbar – egal warum – nicht (mehr) möglich ist über Eigen-Kraft Praktiken die zugrundeliegende Illusion des ‚Ich‘ zu überwinden, zumindest nicht, solange man sich als biologisches Wesen im Samsara verortet sieht. Die gesamte psycho-physische Struktur des Menschen steht der Verwirklichung eines so definierten Heilsziels entgegen – und wird sie laut Shinran auch verhindern, solange sie als Bedingung gegeben ist.

Offen gesagt bezweifle ich sehr, dass von Shinrans Buddhismus mehr bleibt, worüber man reden kann, wenn man ihn aller Theorie entkleidet und auf das rein Empirische reduziert.

Mag sein, aber bei ‚Shinrans Buddhismus‘ geht es auch weit weniger um das, worüber ‚man reden kann‘, als um das, was jeder einzelne erfahren kann und das sich eben nur schwer verbal mitteilen lässt. Seine ‚Theorie‘ dient dem Versuch einer Beschreibung des Nicht-Mitteilbaren, wie wir dies in allen spirituellen Traditionen finden, aber sie ist nicht das Wesentliche. Shinran war, wie sein Lehrer Honen, buddhistischer Gelehrter und gemäß seiner Natur als solcher geneigt sich entsprechend mitzuteilen. Er hat immer deutlich gemacht, daß jene, welche eine ebensolche Herangehensweise haben, dies auf jeden Fall tun sollen, weil auch sie ihrer Natur treu bleiben müssen, ebenso, wie jene, die einen solchen Hintergrund nicht haben, dadurch nicht ausgeschlossen sind, das zu erfahren, was er Zeit seines Lebens als seine ‚Botschaft‘ verkündet hat. Das non-verbale Shinjin zu erfahren ist es, worauf es ankommt, nicht die Theorie, die versucht es zu beschreiben.

‚Just say the nembutsu and be saved by Amida‘; nothing else is involved.“ (Shinran)

Dir ist hoffentlich bewusst, dass sich hier eine mögliche psychologische Deutung von Shinrans Theoriegebäude fast schon aufdrängt. Nämlich, dass dieses Kompensation der Erfahrung eines persönlichen Versagens ist, Rechtfertigung nach dem Muster ‚wenn ich es nicht geschafft habe, dann kann es niemand schaffen‘. Selbstverständlich spricht Shinran als Theoretiker, wenn er von seiner persönlichen Erfahrung der Vergeblichkeit religiöser Praxis abstrahiert und diese zum Anlass nimmt, ein allgemeingültiges Gesetz „religiöse Praxis ist vergeblich“ zu proklamieren.

Die Abstraktion aufgrund seiner persönlichen Erfahrung ist natürlich das Resultat seiner Selbstreflexion in Bezug auf den Kontext des buddhistischen Weltbildes in dem er lebte. Das sagte ich ja, seine Einsicht kam, als er unerleuchtet wieder runterstieg, nicht als er auf Erleuchtung hoffend den Berg hinaufstieg. Er stieg allerdings nicht alleine unerleuchet wieder von diesem Berg herab und wie schon gesagt, jene, die erleuchtet herunterstiegen und heute noch steigen, sind…? Ist es nicht viel eher so, daß Shinran die gleiche Erfahrung machte, wie unzählige vor und nach ihm und er dies eben nicht einfach hinnahm, sondern als Anstoß nahm, einen radikalen Perspektivenwechsel vorzunehmen? Wenn unzählige immer mit dem Kopf vor die Wand rennen, weil es heißt, damit könne man sie durchbrechen und nun einer sagt ’nun, es funktioniert offenbar nicht, also lasse ich es‘ und dabei auf einmal merkt, links gleich daneben steht eh eine Türe offen..und darauf hinweist….ist das eine bloße Abstrahierung aufgrund persönlichen Versagens und als solches zu ignorieren, oder das Finden eines alternativen Weges, weil man aufgrund eigener Erfahrung umdenkt, anstatt weiter das zu tun, was man immer machte?

Ich habe keinerlei Probleme damit, wenn man Shinrans Lehre ablehnt. Aber ich habe den Eindruck, das manche gerne emotional reagieren, wenn grundsätzliche Dinge der buddhistischen Praxis hinterfragt werden. Und eben diese Ungelassenheit ist für mich eher ein weiteres Zeichen dafür, daß solche emotionalen Reaktionen zu unserer Natur gehören und sich eben nicht einfach ‚wegsitzen‘ lassen. Und wenn das schon nicht geht, dann bleibe ich bei meiner Einstellung, die Erleuchtung für unsere ‚getriebene Natur‘ als nicht über Selbst-Kraft erreichbar zu halten. Ich kenne zu viele Buddhisten, die allesamt oft wenig gelassen sind und ähnlich wie Nietzsche, der zu den Christen sagte ‚Ihr Christen müsstet erlöster aussehen, wenn ich an euren Erlöser glauben sollte‚, möchte man manchen Buddhisten dasselbe sagen in Bezug auf die Erleuchtung.

Abschließend: es geht mir nicht um eine Rechtfertigung der Shinshu Lehren, noch darum, diese anderen  Traditionen gegenüber als höherwertig darzustellen. Diskussionen dieser Art nutze ich allenfalls, um generell Shinrans Lehren näher zu erläutern, weil sie eben außerhalb von akademischen Zirkeln kaum bekannt sind und viele Missverständnisse damit einhergehen, wie man auch hier wieder sieht. Zu dieser Erläuterung gehört aber eben auch deutlich zu machen, was der Kern der zugrundeliegenden Frage ist, die Shinran hat zu seinen Schlussfolgerungen kommen lassen. Und das waren eben nicht ‚positive Effekte‘ der Meditation, oder Behebung von Schlafstörungen, sondern die Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit – genauer noch Machbarkeit – eines befreiten Daseins im Sinne des buddhistischen Heilsziels.

Wir dürfen nicht vergessen, niemand sagt, daß dieses Ziel grundsätzlich nicht erreichbar wäre. Auch in der Jodo Shinshu bleibt die Erleuchtung das angestrebte Ziel und sie lässt sich verwirklichen. Nur halt nicht solange wir in unserer Geist-Körperlichkeit verweilen. Und die mythische Beschreibung in den Reine Land Sutren, das Dharmakara nur dann zum Buddha werden wollte, wenn alle ‚erlöst‘ werden, ist eine Beschreibung dessen, was bereits in dieser Debatte von Dir erwähnt wurde:

Zunächst einmal ist Dogens Antwort ähnlich wie die Shinrans – Dharmapraxis hat keinen Sinn. Aber nicht deswegen, weil das ‚Ziel‘ nicht erreichbar wäre, sondern weil wir gar nicht getrennt von diesem ‚Ziel‘ sind.

Übertragen in die mythische Sprache des Amidismus bedeutet dies einfach, da Amida laut den Sutren ein Buddha ist, sind wir also auch alle bereits erlöst/befreit. Es muss nichts mehr getan werden im Sinne von etwas erreichen – es geht nicht um Machbarkeit, sondern um Realisierung eines Potentials, nur darin liegt die Verwirklichung im Sinne mahayana-buddhistischer Spiritualität.  Diese Bilder beschreiben nichts anderes als die Tatsache, daß wir unsere Buddhanatur nicht erlangen müssen, sondern uns ihrer bloß nicht bewußt sind – und da  ist die Shinshu reinstes Mahayana.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: