Welche Rolle spielt eine ‚quasi-theistische‘ Amida Vorstellung in der Shinshu?

Ich habe gar nicht den Eindruck, dass Ihr Euch mit einem „quasi-theistischen“ Glauben an Amida Buddha herumschlagt, sondern vielmehr, dass eure Auffassung von shunyata der dem Zen ganz nahe steht. Welche Abstufungen im Glauben an Amida macht Ihr denn innerhalb Eurer Schule aus?

Nun, das ist so eine Sache. Das Problem ist, das wir im Bereich der Volksreligion sehr wohl deutliche theistische Tenzenden im Shin  Buddhismus finden, Leute also zum Tempel gehen und dort zu Amida beten, ganz genauso wie wir das in theistischen Religionen auch finden. Wir finden eine solche Tendenz auch oft in der Form der Vermittlung shin-buddhistischer Spiritualität etwa in der BCA, (Buddhist Church of America) wobei das mitbedingt ist durch die Tatsache, daß die BCA immer noch eine relativ geschlossene native Gruppe darstellt, die sich mehrheitlich aus den japanischen Einwanderern und den in den USA geborenen Nachkommen dieser Generation rekrutiert. Dadurch erhielt die BCA eben auch eine deutliche Rückbindung an die eher volksbuddhistischen Vorstellungen wie man sie in Japan findet.

Innerhalb der shin-buddhistischen Universitäten in Japan findet sich so eine Einstellung eher selten und – das ist das Entscheidende – sie lässt sich so auch nicht auf Shinran zurückführen. Auch wenn Shinran ganz klar im Kontext seiner Zeit und seines zeitbedingten Wissens als buddhistischer Gelehrter lebte und arbeitete, wird aus seinen Schriften, vor allem seinem Hauptwerk Kyogyoshinsho, ganz klar, wie stark er die traditionelle Amida Vorstellung eines transzendenten Buddhas, der lokalisierbar in Raum (Reines Land im Westen) und Zeit (vor Kalpas seiner Gelübde wegen zu Amida Buddha geworden) ist, einerseits abstrahierte und andererseits in dem was Shinran unter Amida verstand, verabsolutierte. Diese Vorstellung Shinrans von Amida, der als Buddha in seinem tatsächlichen Wirken (symbolisiert durch sein Ur-Gelübde), seiner Zusage (ich werde nicht zum Buddha, wenn nicht alle Wesen in meinem Land geboren werden) und seiner Verwirklichung (Dharmakara, der die Gelübde gab, ist letztlich zu Amida geworden) zusammenfällt mit dem Potential der Befreiung an sich, der Buddhanatur in uns allen, wird dort recht ausführlich dargelegt.

Sicher bleibt Shinran der Meinung, die Reine Land Sutren lassen sich direkt auf Sakyamuni zurückführen, der wiederum für ihn weniger als historischer Anfang einer organisierten Religion galt, als vielmehr als Manifestation Amidas in unserer Welt. Daran gibt es auch nichts auszusetzen von der Doktrin her, würde ich sagen, denn es kommt immer auf die Perspektive an. Ist Erleuchtung etwas, was ich erreiche, oder manifestiert es sich eher in mir (‚trotz mir‘, könnte man auch fragen)? Deswegen brauche ich als Shin Buddhist auch die  textgeschichtliche Entwicklung der Sutren nicht verleugnen und brauche nicht daran ‚glauben‘, der historische Buddha habe etwas über Amida gesagt. Es geht nicht darum, daß der historische Buddha Amida als Wesen gelehrt hat, dem man sich anvertrauen soll, sondern darum, daß Amida, wie er sich im Laufe der Zeit als Idee innerhalb des Mahayana verkörpert hat, eben die Grundlage mahayanistischer Spiritualität – grenzenloses Mitgefühl, Mahakaruna – darstellt. Da im Mahayana diese mitfühlende Wirkmächtigkeit auch dem historischen Buddha zugeschrieben wird, kann man Amida als transpersonal verstandene Überhöhung Sakyamunis sehen, oder eben den historischen Buddha als Manifestation Amidas. Die Aussage bleibt die gleiche und sie hat nichts mit einer Dogmatisierung Amida Buddhas im Sinne einer doktrinären Definition zu tun. Wer sich immer noch daran gebunden fühlt, Amida nur so zu sehen, wie die mythischen Texte es beschreiben, hat weder etwas von der ‚Funktion‘ eines Mythos verstanden, noch sich auch nur ansatzweise dem innerlich geöffnet, was Amida eigentlich darstellt.

Ganz klar muss man sagen, daß Shinran in all seinen Ideen weit über seinen Lehrer Honen hinausging, der sehr wohl der eher traditionellen Reine Land Strömung zuzurechnen ist, wie wir sie auch in China finden und wo die tatsächliche Verortung des Buddha Amida als Wesen quasi grundsätzlich zu finden ist. Leider hat die Jodo Shinshu in ihrer Entwicklung es verabsäumt, diese Ideen des Gründers auch flächendeckend zu vermitteln und den Unterschied zu allen anderen Reine Land Schulen deutlich zu machen. Wie gesagt, im wissenschaftlichen Diskurs ist das so, aber der erreicht nicht wirklich die Hausfrau im Tempel sozusagen.

Im Westen haben wir eine Mischung aus jenen, die in der Folge von Kenneth O’Neill, Alfred Bloom, Taitetsu Unno und anderen deutlich die Ideen Shinrans vertreten und solchen, die sich – wahrscheinlich aus mangelhafter Emanzipation aus den christlichen Wurzeln heraus – geradezu ängstlich an das Wort der Sutren klammern. Das nimmt, wie etwa bei Paul Roberts und seinem ‚True Shin Buddhism‘ (ein Unsinn an sich, da ‚Shin‘ bereits ‚wahr‘ bedeutet, es zeigt aber die fundamentalistische Basis auf, manches ist eben noch wahrer als wahr…), oder auch Adrian Cirlea krasse fundamentalistische Züge an, die Sturm gegen die sog. Modernisten und falschen Lehrer laufen.

Dazu kommt, wie mir George Gatenby, ein bekannter Shin Priester aus Australien, sagte, daß von der Mehrheit der Shin Buddhisten die Schriften Shinrans gar nicht gelesen werden, sie also nur darauf vertrauen, was sie in der Familie und im Tempel mitbekommen. Und dort gibt es eben diese quasi-theistische Vorstellung sehr wohl.

In all den Diskussionen, die ich damals auf E-Sangha hatte, wo ich unter anderem den Shinshu-Folder als Moderator betreute, ging es auch oft um genau diese Frage und es gibt sicherlich Shin Buddhisten, die es ganz strikt sehen. Man sollte also um Shin Buddhist zu sein, die gesamte Tradition, so wie sie sich seit Rennyo gebildet hat (der einiges an Shinrans Lehren so vereinfacht hat, das es einer Verdrehung gleichkommt und der mit verantwortlich dafür ist, daß sich diese theistischen Tendenzen dort finden. Die heutige Shinshu als organisierte Tradition ist de facto ein Werk Rennyos, nicht Shinrans) und wie sie heute in Japan praktiziert wird, in toto nehmen und nachleben. Was ich propagieren würde, wäre eher ‚Shinran-shu‘ als ‚Shinshu‘ – was ich nicht als Vorwurf verstanden habe, ganz ehrlich, sondern eher als Bestätigung.

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