Widerlegt nicht die eigene Dharma-Praxis Shinrans dogmatische Aussage?

Wenn wir das Shinran-Modell der zwei Wege, ‚Leichten Weg‘ und ‚Pfad der Weisen‘ (für den großen Rest), zugrunde legen wollen, so scheint mir das plausibel und akzeptabel zu sein. Wenn wir aber unter Verweis auf ‚Mappo‘ den ‚Pfad der Weisen‘ komplett ausschließen, dann scheint mir das doch eine dogmatische Aussage zu sein, die durch meine eigenen Praxiserfahrungen und jene meiner Lehrer und Freunde aus Vipassana-, Mahamudra- und Chan/Zen-Traditionen empirisch falsifiziert ist.

Erst einmal ist es ja eher anders herum, der ‚Pfad der Weisen‘ ist nur für wenige gangbar, weshalb der Nembutsu Weg eben die Alternative ‚für den großen Rest‘ darstellt. Zum zweiten wird es darauf ankommen, was Du für Erfahrungen gemacht hast, resp. welches Ziel Du mit der Praxis verfolgst. In der Jodo Shinshu wird nicht geleugnet, daß diverse Praktiken und Übungen gewisse positive Auswirkungen haben. Es gibt auch in Jodo Shinshu Tempeln oft Meditationskurse, was früher weniger üblich war. Wenn man sich jedoch hinsetzt und der Meinung ist, man könne durch meditative Übungen welcher Art auch immer Erleuchtung erreichen, sie quasi dadurch ‚erzeugen‘, dann wird das in der Tat aus Shinshu Sicht als nicht möglich betrachtet. Es gibt sehr viele Buddhisten auf der Welt, aber es lässt sich ganz offensichtlich kein Buddha finden…

Shinran mag aufgrund seiner Studien und auch seiner persönlichen Erfahrung zu bestimmten Schlüssen gekommen sein, die durchaus für ihn und für die Shinshu in Folge als konsequent und nachvollziehbar betrachtet werden, aber er hat dies niemals als Begründung für praktische Bewertungen anderer Traditionen oder Individuen genommen. Er war sich mehr als bewußt, das Selbstgerechtigkeit immer lauert und gerade in spirituellen Fragen und religiösen Angelegenheiten neigt man schnell zu Bewertungen anderer, die einen bewußt oder unbewußt höher gestellt erscheinen lassen, als andere.

Ich möchte Rev. George Gatenby zitieren:

‚Those who would destroy the Primal Vow‘ are those who (in Shinran’s words) ’say that the teaching one follows is superior and that the teaching others follow is inferior‘. These people are the inherently blind; but not in any arbitrary way. The very tendency to see one’s own teaching as ’superior‘ and that of others as ‚inferior‘ suggests a rigidity in outlook, which is incapable of being persuaded by anything other than one’s own prejudices. Perhaps a conviction that one’s choices are ’superior‘ to the choices of others may betray a person whose standards of judgement are based on an unrealistic sense of self-importance, which is inimical to the free consideration of new ideas. In any case, Shinran’s words offer us a salutary lesson.

(Quelle: http://www.shinranwasan.info/kw84.htm)

Deswegen findet sich bei Shinran selber auch keine tatsächliche Formulierung, zumindest keine, die mir bekannt wäre, wo er tatsächlich definitiv ausschließt, daß man über den ‚Pfad der Weisen‘ das Ziel erreicht. Hingegen betont er die Tatsache, daß es für ihn unmöglich ist und es wohl für die breite Masse auch sei. In der Jodo Shinshu als organisierter Tradition wurde hingegen öfters auf eine solche strikte Bewertung zurückgegriffen, was aber zum typischen Entwicklungsweg einer religiösen Tradition gehört und sich als abgrenzende Selbstdefinition überall finden lässt.

Was bleibt ist die Ermutigung, es durchaus mit Selbst-Kraft zu versuchen, ‚die Wand zu durchbrechen‘ und zwar solange bis man realisiert, es nicht zu können. Erst dann tut sich die Möglichkeit auf weniger auf das ‚Ich‘ zentriert für eine andere Möglichkeit offen zu werden, oder wie es heißt, ‚den Namen zu hlören, der Dich ruft‘.

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