Ist nach Deinem Verständnis die Shinjin Erfahrung auf Shinrans Weg beschränkt?

Ich frage ich mich, ob nach Deinem Verständnis die Erfahrung von  ‚Shinjin‘ auf Shinrans Weg beschränkt ist, oder ob auch wir ‚anderen‘ Buddhisten diese Erfahrung bei unserer Vipassana-, Chan/Zen-,  Mahamudra-, etc.-Praxis erleben können. Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, können wir dann ‚Shinjin’=Stromeintritt=Satori schreiben?

Shinjin gilt bei Shinran als Erfahrung, die sich gerade dann auftut (zumindest als Möglichkeit), wenn man alle auf Eigen-Kraft basierenden Übungen aufgibt. Insofern müsste man wohl konsequenterweise sagen, daß diese Erfahrung sich nicht einstellt (genauer: sich nicht einstellen kann), wenn man Übungen des ‚Pfads der Weisen‘ verfolgt. Dies deshalb, weil es nach Shinran schlicht unmöglich ist, daß ‚Ich‘ als treibende Kraft – im Sinne einer ständigen Durchdringung mit egoistischen Einflüssen, egal wie subtil auch immer – abzuschalten, oder zu umgehen. Der Unterschied zwischen den Wegen zeigt sich ja für Shinran genau in diesem Punkt und solange man meint, durch diverse Übungen die Erleuchtung verwirklichen zu können, ist dieser Wunsch gleichzeitig der Balken, der diese Türe blockiert, um es einmal bildhaft zu formulieren.

 

Wenn nein, warum nicht?

Grundsätzlich gibt es bei Shinran zwar eine Aufteilung in den ‚Pfad der Weisen‘ und den ‚Leichten Weg‘, die an sich Alternativen darstellen, weil sie sich an unterschiedliche Personen richten. Eben jene, die in der Lage sind Praktiken und Übungen durchzuführen, die es ermöglichen, daß buddhistische Heilsziel zu erreichen und jene, die das nicht können. Allerdings hat er im Laufe seiner langen philosophischen Entwicklung und der konsequenten Ausformulierung seiner eigenen Reine Land Interpretation dies mehr als theoretisches Modell betrachtet, welches in der Praxis keinerlei Alternative mehr zulässt. Auf der Basis der Mappo Vorstellungen, die von Shinran nicht einfach übernommen, sondern quasi als ontologisches Modell in ihrer Aussage neu verstanden wurden, jetzt nicht mehr nur als zeitlicher Niedergang des Dharma, sondern als Situation jedes einzelnen Menschen begriffen, führte es zu seiner Propagierung des Reine Land Weges als der einzig noch zugänglichen Möglichkeit der Befreiuung und damit als eigentlicher Ausdruck des Dharma.

Um Rev. Prof. em. Dr. Alfred Bloom zu zitieren:

Confronting  the religious  monopoly  of his time, Shinran reinter-preted  Pure Land teaching  as the supreme expression and representation of the truth of Buddhism. In doing this, he challenged the traditional understanding of religion. By drawing also on significant aspects of contemporary  thought, he completed  the logic  of the evolution  of Pure  Land thought  toward  broader  universality, and rooted  its  teaching  and  practice in the very nature of Cosmic Amida Buddha. (…)

Shinran’s  reflection  on  his  own  religious  experience within  the  context  of  Pure  Land  tradition  led  to  the  formulation  of  a  religious  perspective  which  took  into account  the  realities  of human  existence, the  nature  of  religious consciousness and experience  and  the  place  of practice  as an expression  and witness  of  religious  reality.   His  perspective   in  its comprehensiveness   and  realism  challenged  the  prevailing religious  understanding  of his time and beyond.  In similar fashion, it is essential  that  contemporary  Shin  Buddhists follow Shinran’s lead in offering an existentially  grounded,  vital  and creative  interpretation  of the teaching  for all modern people. (…)

In his interpretation  of Pure Land  thought, Shinran  did not  directly  attack  or  criticize   the  Tendai  or  other  contemporary  traditions,  or  quote  from  the  Lotus  Sutra itself.  Rather, he addressed the major issues raised in that  tradition  and  formulated  a comprehensive  alternative.  He deepened  the  philosophical  basis  of Pure  Land  teaching,  establishing  the supremacy of the teaching as the universal, true way to enlightenment.  On the basis of his own religious  experience he explicated the grounds  for the assurance  of deliverance  for even the most evil  person.  He thus  dealt  with  the  external  basis  of deliverance  in the cosmos  and the internal  expression  and  witness of deliverance in personal life.  The two aspects are joined and united in our endowed trust (shinjin)  through the  recitation  of the nembutsu  as the name which manifests  the source, and  as our  grateful  testimony  to the  wisdom  and
compassion revealed in our lives.

The comprehensiveness  and spiritual  keenness  that marks Shinran’s  interpretation  provides  us with a firm basis for addressing  modern  problems  of the meaning  of life  and of religious faith in a dark time. He indicates that we can have firm convictions without vindictiveness; we can be realistic, without despair and we can share the teaching without fear of  rejection.  Above all, we can be inspired  and challenged  by the vast vision  of Amida Buddha  as the true essence  of all  reality and the foundation of all our hopes. (Quelle: http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-ENG/bloom.htm)

Jeglicher Versuch mittels Jiriki (Eigen-Kraft) die Erleuchtung zu verwirklichen, ist für Shinran zum Scheitern verurteilt, wegen der Wahrnehmung der menschlichen Natur als  ‚bombu‚ – „foolish being of blind passions‘. Insofern werden jene nicht das erreichen, was sie sich vorstellen, wenn sie sich dieser Übungen bedienen und sie als Ursache der ‚Wirkung‘  Erleuchtung betrachten. Dies als Antwort auf Basis der Doktrin, in der Praxis wird es darauf ankommen, wie die Einstellung des Individuums zu diesen Übungen ist, denn es geht Shinran ja genau darum.  Sitzt man also ’nur‘ wie im Soto Zen verstanden und strebt eben damit nicht die Erleuchtung an, mag sie sich um so schneller einstellen…

 

Wenn ja, können wir dann ‚Shinjin’=Stromeintritt=Satori schreiben?

 

Auch wenn die Antwort auf die vorher formulierte Frage eher ’nein‘ war, ja das kann man.  Grundsätzlich hat Shinran Shinjin mit dem Stromeintritt und dem nicht mehr Zurückfallen-können gleichgesetzt, Erleuchtung ist mit der Erfahrung des Shinjin gewiss:

„Having immediately entered the stage of the truly settled
On realizing true and real shinjin, a person will,
Being the same as Maitreya of the rank of succession
To Buddhahood, attain supreme enlightenment.“
(Shinran)

 

Wenn Du unter Satori allerdings Erleuchtung an sich meinst, wovon ich mal ausgehe, dann kann man Satori nicht mit Shinjin gleichsetzen, denn die Erleuchtung ist in diesem Leben laut  Shinran nicht möglich. Sie stellt sich ein im Tod,  im Augenblick des natürlichen Loslassens, der ermöglicht wird durch die Kultivierung des im  Leben erfahrenen Vertrauens (Shinjin).

 

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