Ist ‘Mappo’ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran?

Ist ‚Mappo‘ für Dich eine zeitbedingte Vorstellung von Shinran, und damit im Prozeß der Inkulturation von Jôdo-Shinshû in unsere Gesellschaft modifizierbar, oder siehst Du sie tatsächlich als eine ‚zeitlose‘ und unveränderliche dogmatische Aussage?

Nun, so ganz schwarz/weiß ist es wieder mal nicht, wie so oft. Die Idee des Mappo, also des Einsetzens des Niedergangs des Dharma nach dem Tod des historischen Buddha, gehört sicherlich zum Buddhismus allgemein, insofern ist der Buddhismus wohl die einzige Religion, die ihr eigenes Ende quasi gleich mit prophezeit.

Shinran lebte natürlich in einem spezifischen zeitlichen und kulturellen Kontext und was seine Lehre und seine Person so faszinierend macht, ist eben die Tatsache, daß er ein sehr origineller Denker war, der sich nicht scheute, die Schriften eben aufgrund seiner Erfahrung zu interpretieren und nicht anders herum. Er belebte  die Reine Land Vorstellungen, die durch seinen Lehrer Honen zur eigenen Schule in Japan organisiert wurden, der Jodu Shu – durch eine Neuinterpretation der zugrundeliegenden Bilder und Ideen. Ebenso wie er das Reine Land nicht als ‚Ort im Westen‘ und als ‚Durchgangsort zum Nirvana‘ verstand, sondern die ‚Geburt im Reinen Land‘ als Verwirklichung der Erleuchtung begriff, so gab er auch anderen traditionellen Begriffen wie icchantika oder eben mappo eine andere Bedeutung, als sie es bis dahin hatten.

Während Mappo einfach die Vorstellung war, daß die budddhistische Lehre und Praxis im Laufe der Zeit nicht mehr für alle zugänglich und umsetzbar sei, daß Befreiung durch sie so also nicht mehr für alle und jeden erreichbar sein würde, war der Icchantika jemand, der die buddhistische Lehre aktiv ablehnte, oder sich schlicht nicht für sie interessierte. Die generelle Frage, ob es nun Menschen geben könne, die tatsächlich kein Potential zur Erlangung der Buddhaschaft haben, wurde ja nun im Mahayana durchaus lange und kontrovers diskutiert.

Mappo und Icchantika beschreiben ja nun quasi die gleiche Problematik, ersteres als Begründung für die Situation generell, letzteres als Zustand des Individuums. Shinran jedoch nahm beide Begriffe aus einem historisch-zeitlichen Kontext heraus und sah in beidem die Grundnatur des Menschen beschrieben. Mappo ist die Situation in der sich jeder Mensch, jedes Wesen zu allen Zeiten befunden hat und befindet, weil die bombu-natur des Menschen es schlicht nicht erlaubt, aus diversen Übungen endgültige Befreiung im buddhistischen Sinne zu gewinnen. Jeder ist demnach ein Icchantika und die Realisierung dieser Tatsache nimmt einem jede Möglichkeit dieses Wort, wie es gerne gemacht wurde, als abfälliges Schimpfwort zu gebrauchen, weil man auf andere spirituell herabblickt – es wirkt jetzt mehr wie ein Spiegel in dem man sich zuallererst selbst sieht.

Ein zeitlicher Niedergang spielt für Shinran auch gar keine Rolle, denn seiner Meinung nach waren und sind die Wesen, die im Samsara umherirren, nicht in der Lage die karmischen Bindungen aufzuheben, die sie an diese Welt binden und es verhindern, daß man die Dinge in ihrer Soheit wahrnimmt. Eine unendliche ‚Menge‘ an Ursachen wird auch eine unendliche Folge von Wirkungen haben und da es buddhistisch gesehen keinen Anfang gibt, seit dem die Wesen durch Samsara irren, gibt es auch keine ‚begrenzten‘ Ursachen, die sich irgendwann erschöpfen würden karmische Wirkungen zu haben.  Jeder Mensch erfuhr also, egal wann er lebte, immer eine absolute Verstrickung in Gier, Hass und Verblendung, es gab nicht eine Zeit, wo solche Kräfte weniger stark ausgeprägt waren und eine spätere wo sie mehr kumulieren.

Insofern gehört der Gedanke von Mappo zum Kern von Shinrans Lehre, aber eben nicht in der traditionellen temporären Vorstellung, sondern sondern quasi radikalisiert und spezifiziert, wie oben erläutert. Deshalb kann man es auch nicht als ‚zeitbedingt‘ abhaken, auch wenn Mappo in der Wahrnehmung des alten Japan sehr wohl als konkreter Niedergang auch mit Hungersnöten und Kriegen etc. erkannt wurde. Von dieser ‚äußeren‘ Manifestation von Mappo ist Shinran aber recht weit entfernt, eben weil er es eher als ‚inneren‘ denn als äußeren Zustand begriff. Die Grundaussage Shinrans ist ja gerade eine, die in ihrer logischen Konsequenz und geforderten Radikalität der ungeschönten Selbstbetrachtung, für mich als Shin Buddhist die grundsätzliche Ausgangslage definiert, aus der heraus ich meine eigene ’spirituelle Reise‘ beginne.. Insofern ist es auch nichts, was im Zuge einer Inkulturation der Shinshu im Westen zu modifizieren wäre.

Es ist ja gerade eben anders herum: eine alte traditionelle Vorstellung, die sicher hätte im Westen modifiziert werden müssen, um verständlich zu sein, oder auch nur einen Aussagewert von Bedeutung zu haben, wurde ja bereits von Shinran modifiziert gedeutet und liefert nun einen weiteren Begriff der die Kernlehre der Jodo Shinshu definiert. Wenn man so will ist es dergestalt eine ‚dogmatische‘ Aussage, aber eher im Sinne der engeren Wortbedeutung nach: eine Aussage aufgrund der Doktrin. Nicht im Sinne eines verengenden Ausschlusses aus einer Gemeinschaft, die die nicht hinterfragbare Akzeptanz eines Lehrsatzes fordert, oder die von Shinran als Herabsetzung anderer Wege benutzt worden wäre.

Im Gegenteil finde ich hat Mappo heute auch noch eine gesellschaftliche Relevanz, wie es Rev. Prof.em. Dr.  Alfred Bloom in seinem Artikel The Contemporary Age ausführlich erläutert.


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