Wie kann Amida wirken, wenn er nur ein Mythos, eine Fiktion ist?

Du beziehst Dich auf das Essay von Dr. Nobuo Haneda, in dem er Amida ein ‚personal Symbol‘ nennt. Nun Deine Verwirrung ist verständlich, aber letztlich liegt es nur daran, daß Du denkst, ein ‚Mythos‘ sei das gleiche wie eine Lüge. Das Problem ist einfach, daß wir nicht mehr gewohnt sind,  den tatsächlichen Gehalt und die eigentliche Bedeutung von Symbolen wahrzunehmen. Für uns sind Symbole etwas ohne ‚wirkliche‘ Essenz, ohne tatsächlichen Inhalt, ohne Realität, die dahinter steht. Es ist einfach ein Zeichen, eine Botschaft, die in einer bestimmten Gestalt daherkommt. Ich denke, es liegt daran, daß wir eben nicht mehr in den ‚mythischen Zeiten‘ leben, wo die Leute ein gänzlich anderes Verständnis dieser Dinge hatten. Wir versuchen alles rational zu erfassen und zu bewerten und können diese Bilder nur schwer mit dem in Übereinstimmung bringen, was wir als menschliche Wesen überhaupt in der Lage sind zu begreifen. Amida ist nicht ‚einfach nur ein Symbol‘, ebenso wie der Mythos vom Reinen Land nicht einfach ’nur eine nette Geschichte‘ ist. Ich würde vorschlagen, Du befasst Dich einmal ausgiebig mit dem, was der bekannte amerikanische Mythologe Joseph Campbell über Mythen und Symbole zu sagen hatte. Etwa folgendes:

Myth is the secret opening through which the inexhaustible energies of the cosmos pour into human manifestation.

… a symbol, a mythic symbol, does not refer to something which is known or knowable in that rational way. It refers to a spiritual power that is operative in life and is known only through its effects.

Beide Aussagen passen genau zu meinem Verständnis von Amida Buddha als einem ‚persönlichen Symbol‘ der lebendigen, dynamischen Präsenz einer ultimativen Wirklichkeit, die sich als absolutes Mitgefühl manifestiert, wie es der Mahayana Buddhismus neben der Weisheit als unsere ureigene Natur postuliert. Sie ist dann absolut, wenn sie meine menschliche – in ihrer Egoverhaftung beschränkte – Natur transzendiert und wird eben dann (oft mehr Ahnung als Gewissheit, da das Ego immer durchbricht und jegliche Wahrnehmung verzerrt) als ‚von außen‘ kommend erfahren, als ‚Ander-Kraft‘. Die verzerrte Perspektive unserer Natur, die alles immer nur auf sich selber gespiegelt wahrnehmen kann, führt zu eine Dichotomie von ‚Eigenkraft‘ und ‚Ander-Kraft‘, die es an sich natürlich nicht gibt. Um aber überhaupt außerhalb der festgefahrenen Programme und Routinen wirken zu können, oder zumindest wahrnehmen zu können, ist es unabdingbar, eben diese Perspektive als die einzig mögliche zu akzeptieren, die wir als unerleuchtete Wesen einnehmen können. Nur deswegen scheint Amida von ‚außen‘ zu wirken, obgleich Shinran betont, das ‚er‘ sowohl mit der ‚inneren Buddha-Natur‘, als auch mit dem ‚Reinen Land‘ eins ist. Ich hoffe, es wird deutlich, das all dies meilenweit entfernt davon ist, Amida Buddha ’nur als ein Symbol‘ zu betrachten.

Wegen der Gefahr, daß die Leute üblicherweise durch ihr eigenes begrenztes Verständnis von spirituellen Wirklichkeiten (begrenzt wegen ihrer eigentlichen Natur als menschliche Wesen) in einer bestimmten Wahrnehmung gefangen sind, sehe ich sehr großes Potential darin, diese ‚mythische Sprache‘ zu verwenden, wenn wir über Shin Buddhismus reden. Es vermeidet all diese Fallen und Stolpersteine und erlaubt uns bezüglich dieser ‚Geschichten‘ eine neue und unverbrauchte Perspektive einzunehmen, basierend darauf, was Menschen lange vor uns bereits wußten. In einer Zeit als Mythen die Hilfsmittel waren, spirituellen Wirklichkeiten Ausdruck zu verleihen, sie erreichbar zu machen. Jodo Shinshu sollte in der heutigen Zeit nicht auf ein wortwörtliches Verständnis der Sutren reduziert werden, die wir als Grundlage unseres spirituellen Weges betrachten, denn ich bin mir sicher, die Wirklichkeit hinter all dem ist bei weitem größer, als alles, was wir je begreifen können. Ich versuche deswegen, nicht meine Ideen und Vorstellungen auf diese Wirklichkeit zu projizieren und deshalb benutze  ich ‚mythische Sprache‘ als Wegweiser. Die Bilder, die in den Reine Land Sutren (oder auch anderen Mahayana Sutren) benutzt werden, erlauben es mir, über die ultimative Realität zu sprechen, ohne dieser das Mysterium zu nehmen. Diese Art von mythischer Sprache lässt das Potential des ‚Ungewissen‘, des nicht Erfassbaren, als solches stehen und wirken – und das ist der einzige Weg, wie ich mich dieser Wirklichkeit überhaupt nähern kann. Begreifbar ist sie nicht, aber erfahrbar durch ihre ‚Effekte‘, die sie auf mich hat, völliges Vertrauen – Shinjin – wird somit zum einzig möglichen Weg sich dieser Wirklichkeit zu nähern.

Shinran ging weit über das übliche Verständnis von Amida, als irgendwo ‚im Westen‘ existierend, hinaus und betrachtete ‚ihn‘ als so unendlich, wie das Licht. Es ist für ihn das unendliche Licht des Mitgefühls, welches in und durch unsere Herzen strahlt und durch alle Existenz, weder zeitlich noch räumlich beschränkt, eben ultimativ und absolut, hindurch scheint. Ich weiß, daß viele Shin Buddhisten die Geschichten in den Sutren wörtlich nehmen und exakt so verstehen und grundsätzlich habe ich damit kein Problem mit, jedem das seine. Allerdings erfasst eine solche Sichtweise nicht die Komplexität und philosophische Tiefe der Lehren Shinrans darüber, das der Dharmakaya – die Bezeichnung für die formlose ultimative Realität – letztlich ‚Form‘ annimmt. Darüber hinaus ignoriert eine Ansicht, die davon ausgeht, daß der historische Buddha Sakyamuni die Reine Land Sutren  oder auch die Vorstellung von Amida, gelehrt habe, völlig die geschichtliche Entwicklung der buddhistischen Lehren.

Amida Buddha war bereits im 2. Jahrhundert bekannt und ist eine sehr alte Vorstellung, aber er war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Teil dessen, was der historische Buddha gelehrt hat. Es ist jedoch Teil der dynamischen Evolution der Mahayana-Lehren und eine poetische Weise über die Einsichten in den Dharma zu sprechen, die spätere Praktizierende der Lehren Buddhas hatten. Oder vielleicht kann man es einfach auch als eine Form betrachten, entstanden aus der Art und Weise wie der historische Buddha zu den Laienanhängern  sprach, um aber doch dieselbe essentielle Wahrheit zu verkünden, wie sonst auch. Die Praxis etwa der ‚Buddha-Erinnerung‘ kann man auch im Pali Kanon erwähnt finden, so daß wir einen engen Bezug zu diesen frühen Zeiten haben, wenn wir heute das Nembutsu chanten.

Letztlich solltest Du vermeiden, Dich durch all das zu sehr verwirren zu lassen, geh hin und studiere die Schriften Shinrans und Du wirst genaue Einblicke erhalten, wie er Amida Buddha sah – und wie eben dies sehr gut zu dem passt, was Haneda ein ‚persönliches Symbol‘ nennt. Es ist der Finger, der zum Mond zeigt. Der Finger mag ein Upaya sein, aber der Mond ist real und das gleiche gilt für Amida Buddha. Er ist das persönliche Gesicht des Nirvana, wenn man so will und eben dies ist für jeden Buddhisten Wikrlichkeit.

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