„Ander-Kraft“ – worin besteht das „Anders“-sein und was ist unter „Kraft“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das ‚Andere‘ bezieht sich nicht so sehr auf das ‚Sein‘ (nicht etwa im Sinne christlicher Theologie, die Gott als ‚den ganz anderen‘ definiert, um seine Transzendenz zu betonen), als vielmehr auf die ‚Richtung‘. Wir erfahren den Dharma generell als etwas, das wir quasi ‚von außen‘ erleben, wir hören Belehrungen, lesen Sutren, hören Musik, die die Rituale begleitet, nehmen uns wahr, wie wir den Dharma in unser Leben hereinlassen, was es dann transformiert. Tariki ist oft einfach auch ‚Kraft durch andere‘, die einem zuteil wird. Es ist eben nicht so, daß man beschließt, ’so, jetzt befreie ich mich mal‘ und man legt mit der Praxis los, die einen dann befreit, weil man so fleißig war. Obwohl genau das die Einstellung zu sein scheint, die viele haben, gerade im Westen wird das oft so im Sinne einer ‚Managerreligiosität‘ verstanden. Man erarbeitet sich sein Häuschen, werkelt an seiner Karriere, kraxelt die Leiter des Erfolgs rauf, etc.. und dann überträgt man diese zutiefst ego-zentrische ‚Macher‘-Sicht einfach auf den Buddhismus und erarbeitet und erkämpft sich die Befreiung vom Ego.

Eben dieser Münchhausen-Trick wird im Shin Buddhismus als unmöglich betrachtet und man kann es als konsequente Umsetzung der einzelnen Aussagen Shinrans zu bestimmten Punkten auffassen. Besonders spielt hier seine spezifische Auffassung des Karmas hinein, die bei Shinran eine ‚Verschärfung‘ erfahren hat.

Da alle Wesen seit anfangsloser Zeit im Samsara umherirren und es damit quasi  einen unendlichen ‚Tatenstrom‘ gibt, der sich durch die Wiedergeburten der Lebewesen zieht, gibt es auch eine unendliche Folge von Wirkungen. Es erscheint deshalb als aussichtslos, irgendwie zu versuchen, diesen ‚Karmaberg‘ abtragen zu wollen, weil er unendlich ist. Dies und die Betonung Shinrans genauer hinzusehen und auch gute Taten konsequenterweise als ’negativ‘ zu betrachten, weil auch sie weiter an Samsara binden, läßt das Karma für ihn weniger als ein neutrales Gesetz erscheinen, als vielmehr als ‚karmisches Übel‘, das uns alle auf das Rad der Wiedergeburten bindet. Bei einer solchen Verschärfung der Sicht auf das Karma erscheint es eigentlich nur folgerichtig, wenn man davon ausgeht, daß es keinem gelingen wird, sich daraus ’selbst‘ zu befreien.

Das ‚Andere‘ ist also das, was uns in unserer Egoverblendung so erstmal nicht sichtbar, oder zugänglich ist und damit ‚anders‘ erscheint, als ‚wir‘. Kraft ist hier durchaus im Sinne von ‚bewegend‘ zu verstehen, etwas, daß in der Lage ist, Veränderung zu bewirken, Transformation anzuregen. In letzter Konsequenz fallen natürlich Jiriki und Tariki zusammen, wenn man davon ausgeht, daß es sich darum handelt, die Buddhanatur zu verwirklichen, zu erfahren, aber da dies nur eine rationale Einsicht ist, bewahrt sie uns nicht davor, immer wieder in die Fallen des Egos zu tappen.

Dafür ist die Abwendung vom Ego nötig, das sich Fallenlassen in den ‚Schoß der Anderen Kraft‘, das Vertrauen zu gewinnen, daß man sozusagen niemals ‚aus dem System herausfallen‘ kann. Dieses Vertrauen schafft Ruhe und Sicherheit, das ‚Diamantene Herz‘ wie es Shinran nannte, entsteht. Aber dieses Vetrauen (Shinjin) selbst ist nichts, was wir erarbeiten können, es geschieht einfach, fällt uns zu wie ein ‚Geschenk‘ und ist die Spiegelung von Amidas Wirklichkeit in unsere verblendete Natur hinein, die durch die drei Wurzelgifte Gier, Hass und Verblendung immer weiter verzerrt wird.

Hier einige Ausführungen des von mir sehr geschätzten Prof. em. Dr. Alfred Bloom:

Our mind is defiled, tainted, and filled with blind passions, i.e., the very opposite to the mind of Amida which is true, real, and sincere. We can hardly purify our minds by using our impure minds to achieve it. The true wisdom of Amida clearly sees through such passion-ridden beings and knows them thoroughly. Out of pity and concern, Amida Buddha has made and fulfilled his primal vows to save all sentient beings unconditionally. This is the true compassion of Amida. The pure heart and mind of Amida is thus given to us as a gift in the form of Namu Amida Butsu which means ‚taking refuge in Amida Buddha.‘ When Namu Amida Butsu is accepted and received, it is called Shinjin. The contents of Shinjin are wisdom and compassion.

Thus, Shinjin is the characteristic of the heart and mind of a person who entrusts himself or herself to the primal vows of Amida. As Shinjin is the heart and mind of Amida, it can not be defeated nor broken and, therefore, is likened to a diamond. When the diamond-like Shinjin is received by us from Amida without any single thought of doubt, we are grasped to be never abandoned (sesshu fusha) by the embrace of the compassionate power of Amida’s vows, and enter into the company of truly assured, with no retrogressions, in the present life.

[ http://www.shindharmanet.com/writings/shinjin.htm]

Auch Rev. Thomas Moser hat einige sehr gute Einblicke in einem diesbezüglichen  Referat vermittelt:

http://teaching.schule.at/brpi/brpi/Dow … riften.pdf

Und was die ‚Einzigartiglkeit‘ des Tariki Konzeptes betrifft, so ist zu sagen, daß es in dieser Form eigentlich erst im japanischen Buddhismus entstanden ist, aber Shinrans Konzept einer ‚Absoluten Ander-Kraft‘ ist in der Tat einzigartig im Buddhismus und wohl auch generell in der Religionsgeschichte.

In allen buddhistischen Schulen, auch jenen, die generell eher die ‚Andere Kraft‘ betonen, gibt es immer noch Anteile einer Eigen-Kraft, die als notwendig betrachtet werden, um die Befreiung zu erlangen. Auch in den theistischen Religionen, die den ‚Gnadenbegriff‘ kennen, also das Allerbarmen Gottes, findet sich im Grunde eine Mischung aus Jiriki und Tariki. Denn um sich die Gnade ‚zu verdienen‘, muß man die Gebote befolgen, muß man ethisch korrekt handeln usw.. – muss man also Vorleistungen erbringen. Diese Idee eines Mitgefühls ist  deswegen nur relativ, weil immer bezogen auf die jeweiligen Handlungen und Verhaltensweisen des Individuums, es ist Belohnung und damit im Grunde nichts anders, als  eine Folge der ‚Eigen-Kraft‘- Bemühungen.

Für Shinran hingegen ist die ultimative Realität absolutes Mitgefühl, welches keinerlei Einschränkungen und Bedingungen kennt, die die Befreiung der Wesen betrifft, sondern bereits als Vollendung Realität ist. Die Reine Land Sutren sprechen von den ‚Gelübden Dharmakaras‘, der nicht zum Buddha werden will, bevor nicht alle Wesen befreit sind. Da Amida aber als Buddha gilt, ergibt sich, daß de facto alle Wesen bereits befreit sind, womit wir wieder bei der Vorstellung der Buddhanatur sind, die in allem präsent ist, aber nicht von jedem  als eigene Natur erkannt und erfahren wird. Man könnte vielleicht mit Rudolf Otto sagen, daß in allen Religionen und ‚Gottesvorstellungen‘ immer eine Mischung vorliegt aus dem Mysterium Tremendum und dem Mysterium Fascinans, das Heilige läßt den Menschen erschauern (der ‚Zorn Gottes‘ läßt den Menschen vor Furcht erstarren) und erhebt ihn gleichzeitig in Entzücken und Verklärung seiner Güte. Dies findet sich in allen Konzepten der Religionsgeschichte – außer bei Shinran. Amida Buddha als die Verkörperung der ultimativen Realität ist für ihn absolutes Mitgefühl und damit nur Fascinans, ohne jegliches Tremendum. Darin liegt die Einzigartigkeit dieses Konzeptes und seine Fülle an neuen Aspekten, die es sowohl religionsgeschichtlich/religionsphilosophisch erschließt, wie auch in seiner Auswirkung auf die Reflektion des Menschen, als an und durch seine Natur gebundenes Wesen, dem aber dennoch die Befreiung aus eben diesem Zustand quasi bestimmt ist.

Jinen means ‚to be made to become so‘. To be made to become so means that without the practicer’s calculating in any way whatsoever, all his past, present, and future evil karma is transformed into the highest good. To be transformed means that evil karma, without being nullified or eradicated, is made into the highest good, just as all waters, upon entering the great ocean immediately become ocean water. (Shinran, Notes on Essentials of Faith Alone, p. 32)

Shinran hat eine Lehre absoluter Hoffnung gebracht, die über alle Grenzen hinweg, seien sie nun religiöser, oder kultureller Art, im besten Sinne universal ist. Dies und der Fokus auf  dem Aspekt des Mitgefühls, macht für mich seine Lehre zur ‚Krönung‘ des Mahayana und schließt den Kreis zurück zu Sakyamuni Buddha, der nicht nach seiner Erleuchtung in seinem Zustand der Freiheit verharrte, sondern sich aus eben diesem Mitgefühl heraus den Menschen zuwandte und sie den Dharma lehrte. Amida wird als stehender Buddha dargestellt, der sich den Menschen aktiv zuwendet, anstatt in Meditation versunken in und für sich zu ruhen. Es gibt auch eine Form, die bekannt ist als Mikaeri-Amida (Amida, der zurückblickt) und sehr schön eben diese Haltung veranschaulicht, das absolute Mitgefühl, das keinen zurückläßt.

Damit wird Amida Buddha zur idealen Verkörperung dessen, was ich als Buddhist als die Grundlage dessen betrachte, was Buddha lehrte und damit wird Sakyamuni zur Verkörperung von Amida Buddha, denn mit der Erleuchtung des Sakyamuni kam das absolute Erbarmen Amidas in diese Welt und das bedeutet es für mich, wenn die Reine Land Sutren davon sprechen, daß Sakyamuni über Amida Buddha gelehrt habe. Das hat er natürlich so nicht getan, aber diese Sutren sprechen von derselben Wahrheit, die er verkündete und verkörperte und das macht sie zu Buddhavaccana – Worten des Buddha.

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